Vom Fluch und Segen des Schiefen Turm zu Pisa

pisa-3-turmWer kennt ihn nicht, den schiefen Turm?

Es gibt noch mehr schiefe Türme in Italien, wenn man genau hinsieht.
Richtig, der in Pisa dürfte eigentlich gar nicht mehr stehen, er müsste längst umgefallen sein. Und doch, er steht – allen Wissenschaftlern und Bausachverständigen zum Trotz – immer noch.

Als ein italienischer Minister, damals zuständig für die Förderung und Entwicklung des beginnenden modernen Urlaubstourismus, den schiefen Turm zum Logo seiner PR-Aktivitäten kürte, da war es um Pisa geschehen. Keiner konnte damals ahnen, dass diese Entscheidung aus dem schiefen Turm einen Mega-Hot-Spot des internationalen Tourismus machen würde. Heute steht der Schiefe Turm zu Pisa fast synonym für Italien, so wie der Eifelturm für Paris und die Tower Bridge für London steht. Das brachte und bringt natürlich einiges Geld in die Stadt und darüber freut man sich auch.

Man baute einen großen Parkplatz ganz in der Nähe zum Schiefen Turm, damit die Touristen bequem und schnell zu ihrem heiß ersehnten „Must See“ gelangen können. Zwischen Parkplatz und Schiefen Turm positionierten sich die inzwischen legendär gewordenen „fliegenden“ afrikanischen Souvenierhändler als „unüberwindliche Barriere“.

Am Rande des Platzes und in den Straßen zum Arno sind die Restaurants, Trattorias, die Sandwich- und Tabakverkäufer ansässig, die ihr Geschäft machen, während die Touristen auf ihre Einlassuhrzeit für den Turm oder den Duomo Santa Maria Assunta warten.

pisa-8-arnoufer-in-pisaBis auf die andere Seite des Arnos schaffen es nur noch ein Bruchteil der Touristen.

Das ist der Fluch des Schiefen Turms. Pisa wird bei der ganz überwiegenden Mehrheit der Touristen auf den Turm und vielleicht noch den Duomo und die Taufkirche (die im übrigen die größte Taufkirche der Welt ist), reduziert. Und so schnell die Touristen gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder weg. Dabei hat Pisa noch einiges mehr zu bieten. Aber dafür müssten die Touristen in ihrem (vorgegebenen) Zeitplan mehr Zeit haben.

Die Zeit hätten sie während der Wartezeit bis zum Einlass auch. Statt dessen beschäftigen sich viele Touristen damit, ein oder mehrere Fotos zu kreieren, bei dem die Liebste oder gar die ganze Reisegruppe das Umstürzen des Turms verhindern. 😈

pisa-7-2-menschenmassenDie Menschenmassen sind einfach überdimensional. Die Aura und die Energie des Platzes oder die im Duomo ist nicht mehr zu erfassen oder zu erfühlen. Während in vielen anderen Städten, die einstmals großzügige Raumaufteilung um diese gewaltigen Sakralbauten herum im Laufe der Jahrhunderte zugebaut wurde, blieb in Pisa diese Großzügigkeit erhalten. Wir haben das „Must See“ abgearbeitet ;-). Es war der verzweifelte Versuch diese Einmaligkeit eines großzügig angelegten mittelalterlichen Ensembles rational wie emotional und spirituell zu erfassen und in seiner ganzen Großartigkeit wahrzunehmen. Das Bild dieser Großzügigkeit ist in unseren Köpfen gespeichert. Ein Gefühl können wir aber, aufgrund der Menschenmassen, nicht damit verbinden. Wir haben es gesehen. Mehr war beim besten Willen nicht möglich und insgeheim haben wir auch nicht mehr erwartet aber touristisch naiv erhofft. – Und nun ist gut!

Den „Rest“ von Pisa haben wir mit dem Rad erkundet. In den verschlungenen Gassen kann man zum Teil nur erahnen wie mächtig diese Stadt einmal war. Eine sehr alte Stadt in der sich Baustile verschiedenster Epochen erhalten haben. Manchmal nebeneinander, manchmal sogar in ein und dem selben Gebäude. Immer wieder wurde angebaut, umgebaut oder erweitert.

Beim Betrachten der Fassaden kommt mir der Gedanke, dass hier nie großflächig umgestaltet wurde. Was noch zu gebrauchen war, wurde weiter genutzt. So haben sich über die Jahrhunderte unermessliche Kunstschätze in dieser Stadt angesammelt, die an und in Gebäuden und in diversen Museen bewundert werden können.

Einen kleinen „spirituellen“ Eindruck vom Duomo erhält man, wenn man zur „Mini-Ausführung“ der Kirche Santa Maria del Spina am Arnoufer fährt. Da hier kaum Touristen sind, bekommt man die Ruhe und die Zeit, um die filigranen Steinmetzarbeiten auf sich wirken zu lassen.

Das entschädigt zwar ein bisschen für den Rummel am Schiefen Turm und im Duomo, aber unser Fazit für Pisa fällt trotzdem enttäuschend aus. Pisa stellt alles was wir an UNESCO Welterbestätten gesehen haben negativ in den Schatten. Wenn das, was hier abgeht, der Preis für diesen UNESCO-Titel ist, dann sollten diese UNESCO-Auszeichnungen sofort wieder abgeschafft werden. Denn dann ist dieser Titel ein geschickt eingefädeltes Marketinginstrument zur Ausbeutung, Entweihung und Kommerzialisierung von Kulturgütern. Das ist nicht Aufgabe der UNO und dafür finanzieren wir auch die UNO nicht mit unseren Steuerbeiträgen!.

pisa-11-aquaeduktAuf der Rückfahrt zu unser Wohnmobil fahren wir ein gutes Stück an einer alten römischen Wasserleitung entlang. Wir sind irgendwie von der gesellschaftlichen Schaffenskraft der alten Römer fasziniert. Was für uns selbstverständlich ist, Frischwasser aus der Wasserleitung, das war zu dieser Zeit eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Hut ab! Hier bleiben wir staunend stehen. Auch wenn der Aquädukt heute nicht mehr in Betrieb ist, so erscheint doch vor unserem geistigen Auge ein Bild des Lebens vor mehr als 1000 Jahren. Solch ein „Eintauchen“ in die goldene Zeit der Römer war uns den ganzen  Tag über in Pisa nicht vergönnt. Diese Erfahrung ist für uns ein weiteres Indiz,  dass solche „Auszeichnungen“ wie UNESCO-Welterbestätte eher Fluch als Segen sind und ihr Nutzen dringend hinterfragt werden muss.

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Kampf der Kulturen im Duomo!

modena-4-duomoWir besuchen die Kathedrale von Modena, die im romanischen Baustil errichtet und 1184 geweiht wurde. Die Kathedrale ist ein bedeutendes romanisches Bauwerk in Europa und ist von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Der Duomo (so die triviale Ausschilderung in der Stadt) San Geminiano ist insoweit sehenswert, weil diese Sakralarchitektur sich über drei Halbebenen erstreckt. Diese Architektur zeigt dem Gläubigen wer hier „oben“ steht und wer „unten“. Auf der untersten Ebene steht der „Sünder“. Dementsprechend sind drei „Gebetsräume“ (Kapellen) die in einander übergehen für die Sünder auch auf der untersten Ebene platziert. Hinter dem Altar geht es einige Stufen hinunter, was man auf dem folgenden Bild nicht erkennen kann.

modena-6-duomo-innenDie Gemeinschaft der Gläubigen, also der „Gut“en Menschen ist auf der mittleren Ebene angesiedelt. Von hier aus ist der Blick der Gläubigen immer auf den Platz der Sünder UND auf die Ebene der über ihnen stehenden gerichtet – nämlich den weltlichen und kirchlichen Führern und Fürsten. Wenn man sich in eine Bank im Raum der Gläubigen setzt, so ist man gezwungen den Blick leicht nach oben zu richten in die Kapelle oberhalb des Altars. Die Priester und Würdenträger sind fast versteckt aber deutlich erhöht. Die Optik dieser Architektur schafft nicht nur eine Entrückung, sondern auch eine „untertänige“ Distanz, die wohl nie zu überwinden sein wird.
Eine wie ich finde, nicht alltägliche Architektur-Symbolik. Ob sich die Architekten zu damaliger Zeit das so gedacht haben, weiß ich nicht. Aber mir drängt sich dieser Gedanke beim Betrachten auf.

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Kapellen auf der unteren Ebene

Wir zählen etliche Personen, meist Frauen, die in inniger Zwiesprache mit etwas Höherem in den Bankreihen der „Sünder“ verharren in den drei unteren Kapellen.

Ich fotografiere nur im Museumsmodus, also ohne Blitz- und Klickgeräusche, um die Gläubigen in ihrer Zwiesprache nicht zu stören.

Ich bin schon wieder am Gehen, da fällt mir ein junges muslimisches Touristenpärchen auf, das deutlich durch die Verschleierung des weiblichen Parts als solches identifizierbar ist. Irgend etwas in mir sagt: „Warte“.

Ort des Fotoschootings
Ort des Fotoschootings

Es folgt ein Fotoshooting vor dem Altar einer der Gebetskapellen. Das Pärchen hält sich zwar an die gebotene Stille des Ortes, das „ungehemmte“ Posieren vor den Statuen stört aber trotzdem und wirkt auf mich sehr respektlos. Dem Gesichtsausdruck des Pärchens nach zu urteilen, ist das wohl auch beabsichtigt. Ich traue mich nicht, diese Situation in einem Bild festzuhalten. Die gestörten Gläubigen sind ebenfalls irritiert, lassen aber das Pärchen unkommentiert gewähren und ziehen sich nach einem hastig ausgeführten Kreuzzeichen und einem Knicks vor dem Altar zurück. Der Gesichtsausdruck der betenden Gläubigen scheint mir stille Beleidigung auszudrücken.

Nachtrag 16. Oktober: um Missverständnissen, die es wohl gegeben hat, vorzubeugen. Ich habe diese Situation nicht wie häufiger zu beobachtendes touristisches Fehlverhalten wahrgenommen, sondern als eine gezielte und bewusste Provokation der Anwesenden.

Liebe Leser/innen, was wäre passiert wenn es umgekehrt gewesen wäre? Wenn ein christliches Pärchen so in einer Moschee in Fes, Kairo, Riadh oder Teheran ein Fotoshooting veranstaltet hätten?

Ich bin sicher, es hätte mindestens Morddrohungen gegeben, wie bei den Mohammed-Karikaturen, wahrscheinlicher sind aber inzwischen Attentate (wie bei Charly Hebdo)!

Mir zeigt dieser Vorfall mittlerweile Viererlei:

1. Viele lassen sich durch falsch verstandenes Selbstbewusstsein mancher Muslime in die Defensive drängen; auch ich, das muss ich selbstkritisch feststellen, denn auch ich bin in der Situation passiv geblieben.

2. Es hat sich schon sehr viel mehr durch die Flüchtlingsproblematik und den damit zusammenhängenden Ursachen bei uns (in Europa) verändert, als Medien und Politiker zugeben wollen. Man versucht die größeren Zusammenhänge und Interessen (z.B. billige Arbeitskräfte für die Niedriglohnsektoren nicht nur in Deutschland) hinter moralischen und humanistischen Argumenten zu verstecken. Diese Dissonanz wird von vielen Menschen wahrgenommen und beeinflusst ihr Handeln; meines wohl auch, auch wenn mir das nicht immer bewusst ist.

3. Es rächt sich sich nun, dass eine ehrliche und offene Diskussion in den Gesellschaften der Europäischen Union über das, was die Menschen wirklich wollen, wie sie leben wollen, konsequent unterdrückt und durch reine Wirtschafts- und Wachstumsargumente niedergebügelt wurde und wird.
Wir selbst haben in Ermangelung einer Klarheit über unsere eigenen Werte und unsere Wünsche an das Funktionieren unserer Gesellschaften keine Argumentationen und Handlungsmuster mehr parat, wenn diese Werte, Rituale und Traditionen respektlos behandelt und übergangen werden.
Nun bekommen wir die Quittung für diese amerikanisierende Oberflächlichkeit, die Law and Order über Menschlichkeit und Empathie stellt.

4. Nicht wenige Muslime glauben inzwischen, dass sie sich den Respekt den sie Jahrzehnte von den westlichen Kulturen vermissten, nun erkämpfen müssen, nach dem alttestamentarischen Prinzip: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und sie glauben in diesem Sinne handeln zu dürfen! Dazu gehört auch, sich respektlos gegenüber den Traditionen des Abendlandes im Abendland zu zeigen. Förderlich für einen gegenseitigen Respekt ist das Verhalten nicht, aber angesichts der Vorgeschichte und unserem politisch respektlosen Verhalten in den letzten 50 Jahren in den arabischen Ländern ist das für mich nachvollziehbar.

Solche Ereignisse sind sicherlich noch nicht der Regelfall. Gott sei Dank! Die Tatsache, dass solche Ereignisse sich häufen, nicht mehr nur einzelne Anekdoten darstellen, von uns sehr wachsam und bewusst wahrgenommen werden und es wert erscheint, diese Ereignisse auch darzustellen und zum Thema eines Artikels zu machen, zeigt, wie viel Veränderung schon stattgefunden hat und wie schlecht unsere Gesellschaft auf diese Veränderungen vorbereitet ist.

Palazzi, Kirchen und Museen – Kultur und historische Architektur – pur

Venedig 41 Venedig KirchenNun könnte ich aus diversen Reiseführern die Namen der schönsten Kirchen, der imposantesten Palazzi und der Museen aufzählen und abschreiben. Aber was bringt es dem, der noch nie in Venedig war? Nichts! Wer sich dafür interessiert, der fährt hin und schaut sich das an und zwar mit dem Fokus der ihn interessiert.

Wir sind einfach nur beeindruckt von der Schaffenskraft der Venezianer. Je länger wir uns in diesem lebenden Museum aufhalten, je mehr wir das Leben in dieser Stadt inhalieren (auch das touristische), umso mehr können wir vor unserem geistigen Auge die Aura dieser grandiosen Stadt wahrnehmen. Es entsteht das Bild rauschender venezianischer Feste vor hunderten von Jahren, genau so wie die Umtriebigkeit einer florierenden Handelsmetropole im Mittelalter. Und Heute? Heute gehören die Touristen ganz selbstverständlich auch zum Stadtbild mit dazu. Ohne, wäre Venedig nicht Venedig. Ohne, wäre Venedig irgendwie leer; fast ein wenig tot oder Vergangenheit, ein statisches Museum. Wir, die wir lieber dem Touristen-Mainstream aus dem Weg gehen, kommen zu einem solchen Resümee? Darüber sind wir selbst verwundert. Aber es ist so!

Das moderne Venedig ohne Touristen wäre nicht Venedig. Das müssen wir anerkennen. Dann gehört der eine oder andere Auswuchs touristischer Infantilität eben auch dazu. Wir wünschen den Venezianern, dass sie auch in Zukunft die Balance zwischen touristischer Attraktion und venezianischem Stadtleben erhalten können und ein lebendes Museum bleiben.

Nach bald 9 Stunden kreuz und quer durch Venedig weis ich nicht mehr ob das, was da unten baumelt meine Beine oder die Beine von WoMoline sind. Aber wir sind beide beseelt von der Atmosphäre, die wir genießen durften. Und so bleibt uns nur noch das Finale in Bildern:

Eine Fahrt auf dem Canal Grande

Kanäle, Brücken, Gassen und Plätze: der Charme Venedigs

Venedig 36 Venedig Brücken 3Wo Kanäle sind, da sind auch Brücken. Und davon soll es in Venedig über 400 geben. Die berühmteste ist wohl die Rialtobrücke, sie ist wohl die Brücke aller Brücken, die sich über den Canal Grande spannt. Für uns ist die Rialtobrücke aber auch zum Inbegriff des Touristenkitschs geworden. Strategisch ein idealer Platz genau zwischen Bahnhof und Hafen einerseits und der Piazza San Marco andererseits. Touristenstau vorprogrammiert!
Anstatt eines Bildes gibts hier den Link zur LIVE-WebCam Rialto Brücke aktuell.
Die Läden und Verkaufsstände auf der Brücke, bieten den Mitbringselunsinn, zu dem die daheimgebliebenen Beschenktenden keinerlei Beziehung haben und die dann diese achtlos verstauben lassen. Nirgendwo sonst in Venedig haben wir das so geballt gesehen – nicht einmal am Markusplatz.

Venedig 37 Venedig Kanal 2 - HolzbrückeIn grauer Vorzeit waren die Brücken aus Holz gebaut. Im Laufe der Zeit wurden sie jedoch durch Steinbrücken ersetzt. Eine aus Holz, ich vermute, eine nachgebaute uber den Canal Grande und diese hier ist uns bei unserer Entdeckungsreise durch Venedig aufgefallen. Oft ist mit einer Brücke über einen Kanal auch ein kleiner Platz oder eine Ausstiegsstelle für die Mitfahrer von Booten verbunden. Es sind Kreuzungs- und Umsteigepunkte von den Wasserstraßen zu den Fußwegen, fast so wie unsere U-Bahnhöfe in den Großstädten. Unzählige Motive ergeben sich dadurch. Hier kann sich der kreative Fotograf austoben, Von kitschig romantisch mit Gondel und Hochzeitspaar bis düster mystisch und geheimnisvoll – alles machbar auf engstem Raum. Venedig 38 Venedig Piazza 2Aber das ist nicht alles. Man kann auch das Leben der Venezianer beobachten. Da steht eine Bank, dort ist ein kleines Cafe oder eine Bar. Hier sieht man die Menschen, wie sie in der Öffentlichkeit kommunizieren. Die drei älteren Herren, die sich auf einer Bank etwas zu erzählen haben. Der Bewohner, der mit einem Paketzusteller spricht. Die zwei älteren Mamas in ihren Hausschürzen, die gerade den neuesten Klatsch weitertragen oder über ihr neuestes Kochrezept schwärmen… Alles läuft in Ruhe und Beschaulichkeit ab, aber hier und da auch mit italienischer Impulsivität.
Es scheint uns, zumindest in der warmen Jahreszeit, so zu sein, wie überall in Italien auf dem Land, dass sich ein Gutteil des sozialen Lebens im öffentlichen Raum abspielt, ja, man lebt auf diesen öffentlichen Plätzen. Venedig 38 Venedig Piazza 3Ganz selbstverständlich steht auch ein Carabinieri in seiner stolzen Uniform beim Nachbarschaftstreff dabei und wechselt dann zu einer anderen Gruppe. Es scheint die ganze Breite der Nachbarschaft eines Wohnbereiches auf diesen Plätzen vertreten zu sein. Nicht wie bei uns, wo öffentliche Plätze schon so etwas wie Gettos für Alleinerziehende mit Kinderwagen sind. Es erscheint uns fast so, als ob in Venedig italienisches Landleben praktiziert wird. Nur eines lässt uns an dieser Einschätzung zweifeln: Wir sehen keine Stühle vor den Hauseingängen stehen, so wie man das z.B. in einem toskanischen Dorf beobachten kann.
Venedig 40 Venedig Wohnung EinblickWas aber hinter den Eingangstüren der Häuser ist, das bleibt uns verborgen. Einmal, als wir gerade über eine Brücke gehen, können wir einen Blick in eine der Wohnungen erhaschen, weil hier die Fensterläden entgegen der üblichen Gepflogenheit am Nachmittag geöffnet und die Vorhänge zurückgezogen sind. Die Einrichtung: IKEA war das nicht! *schmunzel Gediegen, mondän, edel – venezianisch eben.

Einblicke in den Eingangsbereich gibt es ab und an, wenn die Zugänge nur mit einer Eisengittertür gesichert sind. Dahinter verbirgt sich dann ein meist hübsch gestalteter Eingangsbereich mit Terracottafliesen, ein paar Accessoires, die bei drohendem Hochwasser schnell in Sicherheit gebracht werden können, und weiß gekalkten Wänden – und der Treppenaufgang in die Wohnetagen; 1. Stock aufwärts. Mehr können wir leider nicht in Erfahrung bringen.

Ein Weiteres Merkmal dieser Stadt: Die Gassen. Enge Durchgänge Unscheinbare Hauseingänge. Alles verwinkelt – jeder Platz genutzt. Hier wurde immer wieder umgebaut und der Platz so effizient wie möglich genutzt. Da kann man sich schon einmal verlaufen. Man glaubt man müsste gleich wieder auf der Piazza sein, die man vor einer halben Stunde so nett fand – und dann steht man plötzlich am Canal Grande und es geht nicht mehr weiter. Sackgasse! Entschädigt wird man mit einem Blick auf die umliegenden Palazzi.

Venezianische Gärten und Dachgärten und was Commissario Brunetti damit zu tun hat

Venedig 23 DachgartenIch gebe es gerne zu, auch das Fernsehen hat mein Bild von Venedig geprägt. Ich bin kein Krimifan. Aber die Verfilmungen von Donna Leon’s Krimis mit dem Commissario Brunetti, seinem einfältigen Chef Vice-Questore, Giuseppe Patta und der eleganten Assistentin Signorina Elettra Zorzi haben ein bleibendes Bild von Venedig in meinem Kopf bzw. in unseren Köpfen geprägt.
Insbesondere die Szenen wenn der Commissario mit seiner Frau auf dem Dachgarten seiner Wohnung zu Abend speist, das Glas Rotwein zum Prosit erhebt und im Hintergrund die Sonne im Canal Grande versinkt. Herrlich! Da möchten wir es uns auf dem Dachgarten nebenan ebenso gut gehen lassen.

Venedig 24 Dachgarten 2Es gibt sie wirklich, diese Dachgärten. Wir haben immer wieder welche entdeckt. Man muss nur seine Aufmerksamkeit auf die Dächer der Palazzi richten. Dann findet man sie. Überall in der Stadt. Auch auf Augenhöhe findet man immer wieder venezianische Gärten. Mal klein, mal größer, doch meist hinter hohen Mauern verborgen. Wenn dann mal ein Baum über eine der hohen Mauern ragt, dann verraten sich diese privaten Ruhezonen dem aufmerksamen Touristen. Manchmal kann man durch eine vergitterte Zugangstür einen Blick ins Innere erhaschen. Wir haben aber das Gefühl, dass diese Räume für die Venezianer sehr private und „intime“ Orte sind, die sie nicht jedem neugierigen Blick öffnen möchten. Das sollten wir als Touristen respektieren. Diese Gärten sind ein verborgener Schatz venezianischer Lebensart.

Den Venezianern auf’s Maul geschaut: Essen und Trinken in Venedig

Venedig 39 Venedig Essen und Trinken 3Mittagszeit: Venedig erkunden macht extrem hungrig. Die kleine Wegzehrung die wir mitgenommen haben, ist schon längst vertilgt. Auf einem kleinen Platz irgendwo im Labyrinth von Venedig lädt uns die Außenbestuhlung zum Essen ein. Venedig 39 Venedig Essen und TrinkenWie nicht anders zu erwarten, finden wir uns in einem Sprachengewirr aus Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch?, Polnisch, Russisch, Deutsch und noch ein paar weiteren Sprachen oder Dialekten, die wir nicht identifizieren können, wieder. Wir erwarten hier und jetzt zur Mittagszeit keine Venezianer zu finden. Doch weit gefehlt. Etwas erschöpft beobachten wir die vorbeiziehenden Passanten. Immer wieder fallen uns sehr gut und geschmackvoll gekleidete Personen, meist Männer, auf, die mit gemütlichem, nein, erhabenen Schritt des Weges ziehen. Die, die im Gespräch mit einer weiteren gut gekleideten Person unterwegs sind, identifizieren wir sofort als Venezianer anhand ihrer typischen gestikulierenden Sprachunterstützung.
Ein älterer Herr mit schütteren grau melierten Haaren fällt mir besonders auf. Er ist für mich der Prototyp des Venezianers schlecht hin. Helle Hose, mittelblaues Jackett mit Goldknöpfen, mittelbraunen Maßschuhen und statt Krawatte, Halstuch aus feinster Seide mit passendem Einstecktuch in der Brusttasche des Jacketts. In der rechten Hand eine aus feinstem Leder gefertigte leichte Aktenmappe, gerade groß genug, damit ein Exposee eines Immobilienmaklers und der Füllfederhalter, natürlich aus purem Gold, zum Unterschreiben in die Mappe passt. Fünf Meter vor uns bleibt er mit seinem Begleiter stehen, während er in gediegenem Italienisch seinem Begleiter seine Argumente mit eindrucksvollen Gesten verständlich macht.
Sein Gegenüber ist ein nicht weniger beeindruckender Venezianer, etwa halb so alt, aber eher der Commissario Brunetti Typ, gekleidet in feinen dunkelgrauen Zwirn, weißes Hemd, dieses aber ohne Krawatte, lässig den Kragen cool geöffnet. Die fehlende Krawatte wird durch die schwarze Ray Ban Brille mit Mafia-Feeling kompensiert.
Dann ein kurzes Wortdurcheinander der beiden, das etwas in der Lautstärke zunimmt. Für uns Nordeuropäer ein sicheres Indiz für einen beginnenden Streit. Doch dann ein herzliches Lachen mit verbrüdernden Gesten und die Beiden verschwinden einträchtig auf einen Espresso in der schräg gegenüber liegenden Bar.
Szenen wie diese haben wir etliche beobachtet. Ist das auch Klischee oder echte venezianische, oder doch zumindest italienische Lebensfreude? Nein, das ist nicht gespielt. Das ist Italien, das ist Venedig.

Venedig 39 Venedig Essen und Trinken 4Wir genießen unser Mittagsmahl mit musikalischer Untermalung. Natürlich, wie sollte man es anders erwarten, kommen nach einer gewissen Zeit die „Straßenmusiker“ (ich bin mir sicher sie sind vom Gastwirt engagiert) auf die Gäste des Restaurants zu und fordern dezent aber bestimmt eine milde Gabe ein, die wir auch gerne gewähren, Die Drei waren auch wirklich gut. Das touristische Venedig hat uns wieder einmal eingeholt 😉

Nördlich und östlich vom Markusplatz finden sich unzählige dieser Restaurants deren Zielgruppe vor allem Touristen sind. Viele versuchen sich als „McSchubeck“ zu positionieren mit gehobenem Ambiente, Stoffserviette und Bedienung in schwarzer Weste aber mit einer Sitzplatzbreite nur wenige Millimeter über der 50cm-Marke. Venedig 39 Venedig Essen und Trinken 2Hier wird das Touristenklischee perfekt bedient. Nur die handgeschriebene Tafel, die den Fußgängern den Weg versperrt, mit dem Frutti die Mare Angebot des Tages entlarvt den Touristentempel. Dazwischen verbergen sich aber auch immer wieder Restaurants, in die die Venezianer einkehren. Ich kann nicht genau sagen woran ich den Unterschied festmache, für mich, besser gesagt für mein Gefühl ist der Unterschied doch sehr klar und eindeutig erkennbar.

Der typischste Beruf in Venedig: Der Gondoliere

Venedig 14 Gondoliere am Canal GrandeWer nach Venedig kommt, der wird zwangsläufig auf die Gondeln, dem traditionellen Verkehrsmittel in Venedig stoßen. Die heutigen Personenbewegungen in der Stadt könnten die Gondoliere wohl nicht mehr bewältigen. Im Stadtbild sind sie mit ihren Gondeln aber nach wie vor präsent wie das schwarze Taxi in London.
Heute sicher mehr Touristenattraktion und bei den Preisen von 60€ für die halbe Stunde und etliche Aufschläge für Canal Grande, Fahrt in der Dämmerung, bei Nacht, mit O’ SOLE MIO singen (Scherz) auch für venezianische Verhältnisse nicht gerade billig. Für frisch Verliebte und weitgereiste Japaner ein „Muss“ mit der Gondel auf dem Canal Grande in den Sonnenuntergang zu fahren. Das hat schon was.

Venedig 9 Gondoliere am Canal GrandeEine wirkliche Konkurrenz sind die Vaporettos, wie die venezianische Wasserstraßenbahn heißt, für die Gondoliere aber nicht. Die Palazzi am Canal Grande rauschen einfach viel zu schnell an einem vorbei. Und so ist die Gondel eine interessante Alternative, um die Palazzi unangestrengt in Ruhe zu bewundern. Die billigere Alternative heißt: Laufen, laufen und noch einmal laufen. Aber nicht am Canal Grande entlang, das geht nicht, sondern von einer Sackgasse die zum Kanal führt zurück, dann nach rechts oder links, um dann wieder in die nächste Sackgasse einzubiegen.

Wo Meer ist, da ist auch ein Fischmarkt – Venedig: Wo Fische mitten in der Stadt schwimmen

Venedig 27 Venedig FischmarktWir haben nicht nach dem Fischmarkt gesucht, aber er hat uns gefunden. Es sieht alles fangfrisch wie aus der Adria aus, doch das Bild täuscht. Die Verkäufer sind Venezianer, die Kunden sind meist venezianische „Haus“frauen (man sehe mir diese Frauendiskriminierung nach). Aber die Fische kommen meist nicht von der venezianischen Küste oder aus der Lagune, so klärt man uns auf. Wie in vielen Großstädten Europas, kommen Tintenfische, Krebse, Langusten und allerlei anderes exotisches Wassergetier aus Asien fangfrisch auf den Tisch.

Das Treiben auf dem Fischmarkt, das ist typisch venezianisch. Es lässt sich nicht wirklich beschreiben. Das Beraten und Verkaufen, das Feilschen und Bedienen hat seinen ureigenen regionalen Charme, ähnlich wie in München auf dem Viktualienmarkt oder in Wien auf dem Naschmarkt. Es ist eine Oase unverfälschten Stadtlebens.

Uns hat hier auch einiges angemacht, doch wir wollen den frischen Fisch nicht durch Venedig tragen um dann am Ende des Tages nach Fischereihafen zu stinken. So lassen wir das und genehmigen uns in einer nahegelegenen Bar einen Cappuccino.

 

Venedig: Hinter die Kulissen geschaut

Der H&M schärft meinen Blick für den Alltagsbetrieb. Jede Flasche Wein, jeder Schinken, das ganze Baumaterial für den Erhalt der Gebäude (und überall wird restauriert und in Stand gesetzt), muss übers Wasser. Mir fallen einige Serviceleute mit riesigen „Sackkarren“ auf, die so konstruiert sind, dass man mit ihnen auch die Treppen der Brücken über die Kanäle überwinden kann. Einer hat, der Kartonaufschrift nach zu urteilen, einen Kühlschrank aufgeladen, Ein anderer transportiert Bierfässer, offensichtlich für die Schankanlage eines Restaurants oder einer Bar. Venedig 33 Venedig Logistikschiff Canal GrandeAm Canal Grande entdecke ich das Pendant: Lastkähne gefüllt mit Stückgut und einem Mann davor, der ständig telefoniert. In einiger Entfernung das gleiche Bild: Lastkahn mit telefonierendem Mann. Ich entschließe mich, dem Treiben etwas zuzusehen. Mir ist aufgefallen, dass die Sackkarrenschieber ohne Beladung ebenfalls telefonieren, vielleicht sogar während sie etwas transportieren, dann eben mit Head-Set. Die scheinen so etwas wie Zusteller oder Postboten zu sein, die Waren ausliefern und dann via Telefon zum nächsten Abholort geschickt werden. Während ich zuschaue ist auf jeden Fall keiner der Sackkarrenschieber ohne Beladung zum oder vom Lastkahn gefahren.

Strom und Wasser, das ist eine gefährliche Kombination. Das lernt der Elektriker-AZUBI schon in den ersten Stunden. Um so mehr fasziniert mich die abenteuerliche Verkabelung in Venedig. Jeder deutsche Elektrikermeister würde wahrscheinlich einem doppelten Herzschlag erliegen, wenn sein Geselle den Platz seines Arbeitseinsatzes so verließe:

Wir haben noch wildere Verkabelungen gefunden, nachdem uns bewusst wird, dass dies hier zum Standard gehört, wollte ich das fotografieren. Aber wir haben die Orte nicht mehr wiedergefunden.

Venedig 22 Wäsche troknenWie schon erwähnt, es gibt in Venedig keine Keller. Der bei uns bekannte Waschkeller wäre viel zu häufig überflutet. So muß man sich auch was für das Wäschetrocknen einfallen lassen. So werden auch schon mal öffentliche Plätze mit Tischdecken Bettlaken, Socken und Unterhosen geschmückt.

Handel war schon immer die Domäne der Venezianer: Schaufenster, Galerien und H&M

Murano Glaskunsthändler gegenüber vom Dogenpalast am Markusplatz
Murano Glaskunsthändler gegenüber vom Dogenpalast am Markusplatz

Vom Markusplatz bewegen wir uns ohne genauen Plan Richtung Rialtobrücke. In den Gassen und an den kleinen Plätzen entdecken wir immer wieder Schaufenster, die unsere Neugierde wecken.

Venedig 19 Schaufenster Alimentari Schinken
Alimentari Venezia

Vom einfachen Alementari, der die die Bedürfnisse der Einwohner nach Schinken, Mortadella und Panini deckt, über Läden mit Glasschmuck, venezianischen Masken, Galerien, bis zum Designer-Möbelladen. Alles dabei!

 

Venedig 21b Schaufenster KleidungWir kommen an einen kleinen Platz. Vor uns Klamottendesignerläden der üblichen Verdächtigen – von Luis Vitton bis Puma und… ein H&M ist auch dabei. Mitten in der Altstadt! H&M ist nun nicht gerade eine Boutique die vom Verkauf von ein oder zwei teuren Teilchen pro Tag leben kann. Hier müssen Volumen an Waren umgeschlagen werden. Mir stellt sich die Frage, wie bekommen die Venezianer das mit er Logistik hin. Angesichts der schmalen Gassen, Durchgänge, Brücken und der schmalen Kanäle ist das eine Herausforderung. Die Läden liegen ja nicht am Canal Grande. Hier kann kein Sattelschlepper mal eben auf der Rückseite von H&M an die Rampe fahren und ein paar Tonnen Klamotten im Keller des Kaufhauses verschwinden lassen. Keller? Oh, die gibt es aufgrund der hohen Wasserlinie nicht! Ja, und wo wird die Ware zwischengelagert? Das verblüfft mich.

WoMoline verblüfft das nicht. Sie will wissen, ob es in Venedig die gleichen Sachen gibt wie in Nürnberg, Stuttgart oder München oder endlich italienischen Chick. Typisch Frau schleppt sie mich in den H&M mit dem Argument hinein, dass sie noch eine weiße Leinenhose brauchen würde. Ich sage nur ganz leise, damit es niemand hört: „Holzauge sei wachsam…“
WoMoline stellt anschließend enttäuscht fest: NIX italienischer Chick – internationaler Einheitsbrei.