Kampf der Kulturen im Duomo!

modena-4-duomoWir besuchen die Kathedrale von Modena, die im romanischen Baustil errichtet und 1184 geweiht wurde. Die Kathedrale ist ein bedeutendes romanisches Bauwerk in Europa und ist von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Der Duomo (so die triviale Ausschilderung in der Stadt) San Geminiano ist insoweit sehenswert, weil diese Sakralarchitektur sich über drei Halbebenen erstreckt. Diese Architektur zeigt dem Gläubigen wer hier „oben“ steht und wer „unten“. Auf der untersten Ebene steht der „Sünder“. Dementsprechend sind drei „Gebetsräume“ (Kapellen) die in einander übergehen für die Sünder auch auf der untersten Ebene platziert. Hinter dem Altar geht es einige Stufen hinunter, was man auf dem folgenden Bild nicht erkennen kann.

modena-6-duomo-innenDie Gemeinschaft der Gläubigen, also der „Gut“en Menschen ist auf der mittleren Ebene angesiedelt. Von hier aus ist der Blick der Gläubigen immer auf den Platz der Sünder UND auf die Ebene der über ihnen stehenden gerichtet – nämlich den weltlichen und kirchlichen Führern und Fürsten. Wenn man sich in eine Bank im Raum der Gläubigen setzt, so ist man gezwungen den Blick leicht nach oben zu richten in die Kapelle oberhalb des Altars. Die Priester und Würdenträger sind fast versteckt aber deutlich erhöht. Die Optik dieser Architektur schafft nicht nur eine Entrückung, sondern auch eine „untertänige“ Distanz, die wohl nie zu überwinden sein wird.
Eine wie ich finde, nicht alltägliche Architektur-Symbolik. Ob sich die Architekten zu damaliger Zeit das so gedacht haben, weiß ich nicht. Aber mir drängt sich dieser Gedanke beim Betrachten auf.

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Kapellen auf der unteren Ebene

Wir zählen etliche Personen, meist Frauen, die in inniger Zwiesprache mit etwas Höherem in den Bankreihen der „Sünder“ verharren in den drei unteren Kapellen.

Ich fotografiere nur im Museumsmodus, also ohne Blitz- und Klickgeräusche, um die Gläubigen in ihrer Zwiesprache nicht zu stören.

Ich bin schon wieder am Gehen, da fällt mir ein junges muslimisches Touristenpärchen auf, das deutlich durch die Verschleierung des weiblichen Parts als solches identifizierbar ist. Irgend etwas in mir sagt: „Warte“.

Ort des Fotoschootings
Ort des Fotoschootings

Es folgt ein Fotoshooting vor dem Altar einer der Gebetskapellen. Das Pärchen hält sich zwar an die gebotene Stille des Ortes, das „ungehemmte“ Posieren vor den Statuen stört aber trotzdem und wirkt auf mich sehr respektlos. Dem Gesichtsausdruck des Pärchens nach zu urteilen, ist das wohl auch beabsichtigt. Ich traue mich nicht, diese Situation in einem Bild festzuhalten. Die gestörten Gläubigen sind ebenfalls irritiert, lassen aber das Pärchen unkommentiert gewähren und ziehen sich nach einem hastig ausgeführten Kreuzzeichen und einem Knicks vor dem Altar zurück. Der Gesichtsausdruck der betenden Gläubigen scheint mir stille Beleidigung auszudrücken.

Nachtrag 16. Oktober: um Missverständnissen, die es wohl gegeben hat, vorzubeugen. Ich habe diese Situation nicht wie häufiger zu beobachtendes touristisches Fehlverhalten wahrgenommen, sondern als eine gezielte und bewusste Provokation der Anwesenden.

Liebe Leser/innen, was wäre passiert wenn es umgekehrt gewesen wäre? Wenn ein christliches Pärchen so in einer Moschee in Fes, Kairo, Riadh oder Teheran ein Fotoshooting veranstaltet hätten?

Ich bin sicher, es hätte mindestens Morddrohungen gegeben, wie bei den Mohammed-Karikaturen, wahrscheinlicher sind aber inzwischen Attentate (wie bei Charly Hebdo)!

Mir zeigt dieser Vorfall mittlerweile Viererlei:

1. Viele lassen sich durch falsch verstandenes Selbstbewusstsein mancher Muslime in die Defensive drängen; auch ich, das muss ich selbstkritisch feststellen, denn auch ich bin in der Situation passiv geblieben.

2. Es hat sich schon sehr viel mehr durch die Flüchtlingsproblematik und den damit zusammenhängenden Ursachen bei uns (in Europa) verändert, als Medien und Politiker zugeben wollen. Man versucht die größeren Zusammenhänge und Interessen (z.B. billige Arbeitskräfte für die Niedriglohnsektoren nicht nur in Deutschland) hinter moralischen und humanistischen Argumenten zu verstecken. Diese Dissonanz wird von vielen Menschen wahrgenommen und beeinflusst ihr Handeln; meines wohl auch, auch wenn mir das nicht immer bewusst ist.

3. Es rächt sich sich nun, dass eine ehrliche und offene Diskussion in den Gesellschaften der Europäischen Union über das, was die Menschen wirklich wollen, wie sie leben wollen, konsequent unterdrückt und durch reine Wirtschafts- und Wachstumsargumente niedergebügelt wurde und wird.
Wir selbst haben in Ermangelung einer Klarheit über unsere eigenen Werte und unsere Wünsche an das Funktionieren unserer Gesellschaften keine Argumentationen und Handlungsmuster mehr parat, wenn diese Werte, Rituale und Traditionen respektlos behandelt und übergangen werden.
Nun bekommen wir die Quittung für diese amerikanisierende Oberflächlichkeit, die Law and Order über Menschlichkeit und Empathie stellt.

4. Nicht wenige Muslime glauben inzwischen, dass sie sich den Respekt den sie Jahrzehnte von den westlichen Kulturen vermissten, nun erkämpfen müssen, nach dem alttestamentarischen Prinzip: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und sie glauben in diesem Sinne handeln zu dürfen! Dazu gehört auch, sich respektlos gegenüber den Traditionen des Abendlandes im Abendland zu zeigen. Förderlich für einen gegenseitigen Respekt ist das Verhalten nicht, aber angesichts der Vorgeschichte und unserem politisch respektlosen Verhalten in den letzten 50 Jahren in den arabischen Ländern ist das für mich nachvollziehbar.

Solche Ereignisse sind sicherlich noch nicht der Regelfall. Gott sei Dank! Die Tatsache, dass solche Ereignisse sich häufen, nicht mehr nur einzelne Anekdoten darstellen, von uns sehr wachsam und bewusst wahrgenommen werden und es wert erscheint, diese Ereignisse auch darzustellen und zum Thema eines Artikels zu machen, zeigt, wie viel Veränderung schon stattgefunden hat und wie schlecht unsere Gesellschaft auf diese Veränderungen vorbereitet ist.

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Venedig – Die „unbeschreibliche“ Perle Italiens

Venedig 8 Gondeln am Canale GrandeUnbeschreiblich im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe mich wirklich bemüht, unsere Reisegeschichte von Venedig in einer halbwegs verdaubaren Länge niederzuschreiben. Ich muss zugeben: Ich bin gescheitert, gescheitert auf ganzer Linie.
So habe ich mich entschlossen, unsere Venediggeschichte in mehrere Kapitel aufzuteilen, die in den nächsten Tagen hier erscheinen werden. Mit folgenden Kapiteln versuche ich die unbeschreibliche Perle Italiens zu charakterisieren:

Venedigein lebendes Museum | Markusplatz und Dogenpalast: Venedig ohne – geht nicht! | Handel war schon immer die Domäne der Venezianer: Schaufenster, Galerien und H&M | Venedig: Hinter die Kulissen geschaut | Wo Meer ist, da ist auch ein FischmarktVenedig: Wo Fische mitten in der Stadt schwimmen | Der typischste Beruf in Venedig: Der Gondoliere | Den Venezianern auf’s Maul geschaut: Essen und Trinken in Venedig | Venezianische Gärten und Dachgärten und was Commissario Brunetti damit zu tun hat | Kanäle, Brücken und Plätze, der Charme Venedigs | Palazzi, Kirchen und MuseenKultur und historische Architektur – pur

Viel Vergnügen… und
Fröhliche Ostern

Fahrt durch eine der ältesten Kulturlandschaften Europas zur Lagune von Venedig

Wir verlassen Verona und orientieren uns Richtung Osten, immer am Fuße der Alpen entlang nach Vicenza und weiter Richtung Padua. Wir fahren durch eine reiche und wirtschaftlich erfolgreiche Region Italiens. Padua ist wie Verona eine sehr alte Stadt. Einer Sage zufolge soll Padua schon fast 1200 Jahre v. Chr. von einem Trojaner gegründet worden sein. Historisch gesicherte Belege sind aber erst 800 Jahre später datiert. Dennoch ist Padua damit eine der ältesten Städte Italiens und kann, neben vielen historischen Gebäuden mit beeindruckender Architektur, mit dem drittgrößten Innenstadtplatz Europas (nach dem Roten Platz in Moskau und dem Place de la Concorde in Paris) aufwarten. Auch ein UNESCO Weltkulturerbe kann Padua bieten – der älteste noch bestehende botanische Universitätsgarten.

Doch das wird alles überstrahlt von dem kaum 50 km entfernt liegenden Venedig. Zu Unrecht wie wir finden. Aber das Kuriositätenkabinett Venedig mit seinen Geschichten und dem, in den Geschichtsbüchern über Jahrhunderte dokumentierten „welt“-politischen Einfluss, ist einfach in den Köpfen der Menschen tief verankert. So wird diese Region uni sono mit dem Hinterland der Lagunenstadt identifiziert und gleichgesetzt. Diese Region hat aber noch so viel mehr zu bieten als nur Venedig. Diese Region, begünstigt von dem mediterranen Klima, ist übersät mit Kulturschätzen und einer reichen und wechselvollen Geschichte und ebenso vielen Geschichten, Sagen und Anekdoten.

Wir wollen Wasser. So haben wir die Wahl. Entweder fahren wir zur Abano Therme, 10 km südlich von Padua, in den Euganenischen Hügeln. Ein altes Heilbad in dem schon im Altertum Nerven- und Rheumaleiden mit dem leicht radioaktiven Heilwasser behandelt wurden. Unsere Nerven und Gelenke scheinen uns aber noch hinreichend in Ordnung zu sein und so entscheiden wir uns in Richtung Venedig zu orientieren. Wir steuern Venedig nicht auf dem direkten Weg an, sondern fahren ‚außen‘ herum über den Flughafen von Venedig und dem Badeort Jesolo nach Punta Sabbioni, um dann Venedig sozusagen von der Seeseite her zu erkunden.

Venedig 1 - LaguneBevor wir die lange Landzunge hinunter nach Punta Sabbioni fahren, decken wir uns noch in einem nahen Einkaufszentrum mit einigen Lebensmitteln ein und tanken müssen wir auch noch. Die Landstraße zieht sich scheinbar endlos in die Länge. Immer häufiger können wir einzelne Blicke in die Lagune von unserer erhöhten Sitzposition im Wohnmobil erhaschen. Seeseitig versperren uns ein Dünen- und Baumgürtel den Blick zum Mittelmeer. Wir freuen uns: endlich Wasser, endlich Meer! und wir riechen die Meerluft – das Salz in der Luft… Wenn das nicht dem Altersrheuma vorbeugt was kann dann noch helfen??

Wir beschließen, dass wir nicht sofort zu einer Venedig Tour aufbrechen sondern uns erst einmal eine Ruhepause gönnen und den vielen Eindrücken der letzten Tage Raum geben.  Die Sonne und die scheinbar milden Temperaturen verleiten uns am nächsten Tag zu einer ausgiebigen Radtour anzutreten. So entscheiden wir uns erst einmal die Mittelmeerseite der Landzunge zu erkunden. Wir fahren mit den Rädern zum westlichsten Punkt und beobachten den heute spärlichen Schiffsverkehr hinein und heraus aus der Lagune. Wir warten eine Weile am äußersten Aussichtspunkt auf einen Kreuzfahrer. Aber nicht einmal ein kleines Containerschiff lässt sich am Horizont erblicken.

Venedig 4 Lagune Panorama
Panorama vom äußersten Punkt der Landzunge

Im weiteren Verlauf unserer Erkundungsfahrt müssen wir aber sehr schnell feststellen, dass unsere Tourenräder für den sandigen Untergrund der Wege entlang des Strandes, besser gesagt in bzw. hinter den Sanddünen, völlig ungeeignet sind und wir mehr die Fahrräder schieben als dass wir fahren. Das macht die Unternehmung zu einer echt anstrengenden Tour. So haben wir uns eine Auszeit am Strand redlich verdient. Venedig 4 Lagune StrandDoch der kalte Wind von der Seeseite lässt uns recht schnell auskühlen. Das zwingt uns zu einem Ortswechsel und wir erkunden nun die andere Seite der Landzunge zur Lagune hin. Hier ist es windgeschützt und dem entsprechend angenehm warm. Wir lassen die Seele ausgiebig baumeln und harren der Dinge.
Was uns wohl in Venedig erwartet? Dabei werden wir von diesem gefiederten Kerl ständig beobachtet. Venedig 4 Lagune VogelUnd wir? Wir beobachten den Fischer in der Lagune, der in seinem Motorboot vor sich hindümpelt und darauf wartet, dass sich was an seiner Angelrute tut.

Venedig 3 - Lagune mit Angler

Wir genießen und chillen… . Langsam beginne ich zu begreifen, was die junge Generation mit diesem Begriff meint. 😉

Gegen Abend finden wir doch noch einen Ort von dem man Venedig wenigstens erahnen kann. Sicher sind wir uns nicht, aber mit dem Teleobjektiv gelingt es uns ein „markantes Bild“ von der Siluette Venedigs zu schießen. Erst im Wohnmobil können wir auf dem großen Bildschirm erkennen, dass die Aktion erfolgreich war.

Venedig 4 Lagune Venedig

Wir lassen den Tag ausnahmsweise in einem Touristen-Lokal ausklingen, denn hier am Ende der Welt gibt es nichts anderes.

Verona: „Cäsar meets Shakespeare“

Wenn ich an Verona denke, dann fällt mir spontan die Arena (das Veroneser Collosseum 😉), der Balkon von Romeo und Julia und die alljährlich stattfindenden Festspiele ein.
Verona ist aber weit mehr. Die 250.000 Einwohner zählende Stadt am Fuße der südlichen Alpen (nur noch 59 m über dem Meeresspiegel gelegen) kann auf eine fast 2500 jährige Geschichte zurückblicken und war ab 89 v. Chr. römische Kolonie. Das Stadtbild wird dominiert von der Römerzeit und der Zeit danach.

Verona1 - FestungsmauernDer Wohnmobilparkplatz liegt unweit der Festungsanlagen. Wir entscheiden uns, den Weg in die Innenstadt zu Fuß zu gehen. Die Stadtmauer ist umgeben von einer parkähnlichen Anlage durch die wir bis zu einem der Stadttore gemütlich hindurch schlendern. Diese Wehranlagen haben heute eher den Charakter einer Ruine. Die Befestigungsanlagen sind aber so renoviert, dass man einen guten Eindruck von der Mächtigkeit der früheren Verteidigungsanlagen bekommt. R
Wir erreichen das Stadttor. Hier lässt sich der frühere Reichtum von Verona schon an der Fassade erkennen. Wir orientieren uns Richtung Innenstadt und frönen erst einmal italienischer Lebensart bei einem Cappuccino und einem süßen Teilchen in einer am Wege liegenden Konditorei.

Was uns im Stadtbild auffällt ist, dass in Italien wesentlich mehr kleine Motorräder und Motorroller unterwegs sind als bei uns. An nahezu jeder Ecke findet sich ein Pulk abgestellter Motorroller. Verona3Das spiegelt sich auch in der typischen Geräuschkulisse einer italienischen Mittelstadt wieder. Der Lärm von vor allem älteren Motorrollern unterscheidet sich doch sehr deutlich von der Geräuschkulisse bei uns
zuhause.
Wir kommen zu dem großen Platz, auf dem die weltberühmte Arena steht. Ein zweistöckiger Bau a la Kolosseum beherrscht den optischen Eindruck dieses Platzes.
Die vielen Strassenrestaurants zu unserer Linken, die um die vorbeiziehenden Touristen werben, lassen die typischen Auswüchse des modernen Tourismus deutlich werden. Das hat nichts mehr mit dem mittelalterlichen Flair der Kulisse zu tun. Wir kümmern uns nicht weiter darum.
Verona4 - ArenaWenn man den Platz betritt, dann erscheint die Arena noch filigran, da sie die umliegenden Häuser kaum überragt. Je weiter man sich der Arena nähert, erkennt man die riesigen Dimensionen dieses altertümlichen Bauwerks. Verona6 - ArenaAuch ist der davorliegende Platz für eine mittelalterliche Stadt dieser Größe sehr gross bemessen.

Es ist klar, dass die verantwortlichen Tourismusmanager von Verona und findige Geschäftsleute versuchen, diese Besonderheit, den Mythos von Romeo und Julia, genau so wie die römische Geschichte entsprechend in Szene zu setzen. Und so verwundert es nicht, dass uns römische Soldaten und Gladiatoren dazu bewegen wollen, Karten für die Festspiele zu kaufen oder wenigstens die Arena, natürlich gegen einen entsprechenden Obulus, von innen zu bewundern. Verona5 - römische SoldatenWir gehen nicht auf das Angebot ein, da wir gesehen haben, dass die meisten Kulissen für die diesjährigen Festspiele noch außerhalb der Arena lagern und es von innen nicht wesentlich mehr zu sehen gibt wie von außen.
Die römischen Soldaten erinnern mich an die „Hundertschaften“ von Mozarts, die in Wien versuchen Konzert und Opernkarten unter die Touristen zu bringen. Trotzdem vermitteln sie, wenn auch ein klischeehaftes Bild, von Verona vor 2000 Jahren.
Wir ziehen weiter in die historische Innenstadt. Die Marken, Labels und Namen sind die Gleichen wie in anderen Städten in Westeuropa und wohl inzwischen auch darüberhinaus. Wir sind daran nicht interessiert und wir konzentrieren unser Augenmerk auf die Bausubstanz oberhalb das Erdgeschosses und auf die Seitenstraßen. Hier kommt das Flair Veronas rüber.
Balkon Romeo und JuliaGanz unverhofft stehen wir vor einer kleinen Tafel, die uns auf den berühmtesten Balkon aller Balkone hinweist. Den legendären Balkon aus Shakespeares Romeo und Julia. Erst später erfahren wir, dass dieses Gebäude schlicht und einfach gar nichts mit der literarischen Vorlage zu tun hat und auch der Balkon erst nachträglich angebracht wurde. Neudeutsch würde man sagen: ein Fake!
So generieren findige Tourismus-Manager touristische Pilgerströme 😆

Verona7 - GauklerIm Straßenbild fallen uns immer wieder „Gaukler“ und Künstler vor allem aus der Kategorie „lllusionisten“ und venezianischer Karneval auf. Es scheint so, als ob es aktuell ein Treffen dieser Künstler in der Fußgängerzone gibt. Kurz  vor der berühmten Piazza  treffen wir auf diese llusionisten. Mit offenem Mund umrunden wir die Beiden. Ungläubig schauen wir uns und die umstehenden Passanten an. Nein, das ist doch nicht möglich, doch die Dame scheint regungslos zu schweben. Auch nach einer weiteren Umrundung wird unsere ins Gesicht geschriebene Frage: „wie geht das?“ nicht beantwortet.

Wir wenden uns der Piazza delle Erbe zu. Der Platz ist gesäumt von Bauwerken verschiedener Jahrhunderte und diente in der mittelalterlichen Stadtrepublik als Versammlungsort und Marktplatz. Es ist gerade Markt. Wir lassen uns einfach treiben und genießen diesen Flair südländischer Märkte. Wir lassen uns Zeit und atmen die Aura dieses Platzes ein. Inmitten des Platzes eröffnet sich uns ein 360°-Panorama, das uns die wechselvolle Geschichte dieses Ortes erahnen lässt. Trotz des geschäftigen Treibens auf dem Marktplatz strahlt das Gebäudepanorama eine erhabene Ruhe aus. Aus dem trüben Norden kommend, ist das genau die richtige Atmosphäre bei milden Temperaturen und Sonnenschein unsere „hektischen Nordländerbewegungen“ an südländisches Dolce Vita anzupassen.

Zusehends verlangsamen wir unsere Erkundungsgeschwindigkeit und unsere Aufmerksamkeit für Details und für nicht sofort ins Auge springendes steigt in gleichem Maße.

Verona12Verona11 Fenster Verona13

Langsam kommen wir in Italien richtig an.

Leben in einer Festungsstadt – Neuf-Brisach

TaubergiessenIn unserer weinlaunigen Stimmung kam uns die Idee, uns auf der französischen Seite nach Norden zu hangeln. Warum ist uns nur diese Idee nicht schon in Breisach gekommen. Das bedeutet ein Stück zurück zu fahren. Aber das macht nichts. Es gibt ja viele Wege die nach Rom führen.
Also zurück ins Rheintal. Wir wählen einen Weg über das Naturreservat Taubergiessen. Taubergiessen2Leider ist heute eine Fahrt mit dem Boot auf dem Alt-Rhein nicht möglich. So bleibt dieses Naturerlebnis auf unsrer Wunschliste stehen und wir fahren weiter nach nach Neuf-Brisach dem französischen Gegenstück zu Breisach auf der deutschen Seite des Rheins. Aber mit der Namensgebung erschöpfen sich die Vergleichsmöglichkeiten.

Neuf-Brisach4Neuf-Brisach ist eine Festungsstadt, deren Gründung auf einen Befehl von Ludwig XIV zum Schutz des Elsass zurückgeht. Die 1703 fertiggestellte Festungsanlage ist seit 2008 in die Liste der UNESCO Weltkulturerbestätten aufgenommenNeuf-Brisach3Neuf-Brisach1. Wer sich für Militärgeschichte des Mittelalters interessiert, für den ist ein Besuch ein Muss.

Uns interessiert eher die Stadt an sich. Neuf Brisach ist, wie bei einer Garnisonsstadt nicht anders zu erwarten, eher schmucklos. Wie bei vielen französischen Kleinstädten konzentriert sich das Stadtleben auf einen zentralen fast quadratischen Platz auf dem auch der Wochenmarkt stadtfindet. Optischer Fixpunkt des Platzes ist eine klobig wirkende und schmucklose Kirche die die anderen Gebäude deutlich überragt. Etwas versetzt von diesem Platz findet sich in der Stadtanlage ein zweiter etwas kleinerer Platz an dessen Stirnseite das Rathaus steht. Neuf-Brisach2Der Eindruck ist: Durch und durch ein französisches Städtchen mit typisch ländlicher Lebensart. Ich fühle mich um mindestens 200 oder 300 km weiter nach Westen „gebeemt“.
Baukulturelle Ähnlichkeiten zur anderen Rheinseite oder zum Elsass sind nicht zu erkennen. Diese Stadt ist für mich ein Symbol der Frankonisierung des Elsass.

Und dann begegnet uns an den Wehranlagen noch ein Kuriosum. Ein Baumarkt auf Rädern – „Der rollende OBI“…

Rollender OBI

Die Donau entlang – von Passau nach Wien #3

Unsere Flucht aus Linz wird zunächst von unserem Navi sabotiert.
Es ist zwar schon etwas betagt, aber es hat vor 4 oder 5 Monaten ein Update bekommen. Es kennt seitdem die allermeisten Kreisverkehre, aber ich wundere mich seitdem auch manchmal über die Routenvorschläge. Doch heute wurde es extrem. Für eine Strecke von ca. 50 oder 60km veranschlagte es eine Fahrzeit von mehr als 4 1/2 Stunden. Wir suchten nach der Ursache, fanden aber keinen Grund. Wir versuchten es mit verschiedenen Zieleingaben. Aber einfach an der Donau entlang war unserem Navi zu trivial. Wir fuhren zurück zum Donaustellplatz in Linz, in der Hoffnung, von dort aus den Weg mit Hilfe klassischer „Schildernavigation“ zu finden. Das ging dann auch ganz gut. Man verlernt ja doch nicht alles. Dem Navi haben wir beleidigt nach dem gefühlt 30sten Mal „Bitte wenden“ den Saft abgedreht.

Linz-Melk1 DonauauenUnser Weg führt uns entlang der Donauauen Richtung Osten. Die Bäume und Sträucher der Donauauen verdecken oft den Blick zum Wasser. Wir fahren entlang eines scheinbar undurchdringlichen Donauurwaldes. Irgendwie ein bisschen Amazonasfeeling 🙂 aber ohne Moskitos und mit europäischem Reisekomfort. Die Auen wechseln ab mit einer klar abgegrenzten Flußlandschaft. Hier das Wasser, dort das Land, dazwischen Schutzwälle oder Schutzmauern gegen das gefürchtete Hochwasser. Linz-Melk 2 DonauEinen ersten längern Halt legen wir in Grein ein. Und nun wird die am Vortag in Linz eingekaufte Linzer Torte lustvoll den Geschmacks- und anschließend den Verdauungsorganen zusammen mit einem Cappuccino zugeführt.
Linzer Torte 2Wäre es nicht so kalt, es wäre ein guter Ort für eine Radtour entlang der Donau gewesen. Doch so belassen wir es dabei, den vielen Radlern beim Übersetzen mit der Fahrradfähre zuzusehen. Schon im Ort war uns die große Anzahl von Fahrradreisenden aufgefallen. An der Fährstation hatte sich eine riesige Warteschlange entwickelt. Wohl ein Nadelöhr für Radtouristen.

Grein an der Donau
Grein an der Donau

Wir fahren weiter nach Melk. Wenn wir über die Donau blicken entdecken wir immer wieder Gruppen von Radfahrern. Wir sind uns einig, wir wollen mit denen heute nicht tauschen.
Linz-Melk 3 DonauDafür ergötzen wir uns an der grandiosen Natur, an den vielen Nuancen des Grüns der Bäume und Wiesen, an den mal bedrohlich wirkenden Abhängen links und rechts der Donau, die sich mit lieblichen Landschaften, die eher „heile Welt“ verkörpern, abwechseln.

Melk1Kloster Melk. Schon von weitem erkennt man das imposante Bauwerk. Der Platz wurde von den Erbauern sehr bewusst gewählt. Weithin sichtbar weist es den Weg zu einem spirituellen Ort, dessen Ursprünge teilweise noch im Dunkeln liegen. Früher hatte ich mir immer, wenn ich nach Wien musste (meist beruflich) vorgenommen, in Melk einen Boxenstop einzulegen. Doch nie hat das geklappt.

Melk2Aber jetzt! Wir haben eine Abstellmöglichkeit für unser WOMO gefunden. Von der Zufahrtsstraße biegen wir in einen liebevoll restaurierten Ort ein. Wir durchwandern den Ort, gespickt mit Touristenläden und versuchen uns vorzustellen wie wir wohl im Mittelalter diese Kulisse erlebt hätten. Melk3

Heute wirkt sie aufgeräumt, sauber und einladend. Wir haben den Anstieg erklommen. Mächtig stehen die Mauern des Benediktinerklosters vor uns. Bevor wir überhaupt das Wichtigste dieses UNESCO Weltkulturerbes betreten haben ist uns klar, warum Melk zum Weltkulturerbe erhoben worden ist. Es hat eine großartige Ausstrahlung! Einen besseren Begriff dafür habe ich in meinem Wortschatz nicht parat.
Bilder können dies nicht transportieren und seien sie noch so professionell aufgenommen, sie können bestenfalls den Wunsch auslösen, diese Großartigkeit persönlich erleben zu wollen.

Melk4Melk5Melk6

Und da ist sie auch schon, die Kehrseite der Medaille. Touristenströme die so gar nicht zu der Größe und Würde dieses Ortes passen wollen. Der ganze Ort, inklusive des Klosters, herausgeputzt wie es Heerscharen von Touristen erwarten, mit Shopping-Beiprogramm und Geschichtsschnellbleiche. Heerscharen von Donaukreuzfahrern (etwa 3-5 Omnibusse pro Schiff), die die 1500 m von der Anlegestelle in Melk bis auf den Klosterberg (mit extra angelegten Busparkplatz!) gekarrt werden, werden im Stundenrhythmus durch Kloster, Klostershop, Museum und Klosterpark von kundigen Guides hindurchgetrieben 😉 um zu verhindern, dass ein „Menschenauflauf“ (mit Speckstreifen garniert😂) entsteht.

Uns ist schon bewusst, dass die Unterhaltung eines solchen Kulturerbes riesige Summen verschlingt, die auf irgendeine Weise erwirtschaftet werden müssen. Das ist nicht mehr durch die Einwohner der näheren Umgebung zu leisten. Der Tourismus scheint die einzige Möglichkeit zu sein. Aber genau dieser droht den Ort zu entwürdigen.
Ein Dilemma wofür auch ich keine überzeugende Lösung anbieten kann.
Auf der anderen Seite wurden einst diese Kulturdenkmäler von Menschen erschaffen, die zu ihrer Zeit nur ein Bruchteil der Produktivität unserer Zeit erreichten. Sie haben nicht nur die künstlerische, handwerkliche und architektonische Leistung vollbracht, die wir so oft bewundern, sie haben zusätzlich auch die Finanzmittel dafür erwirtschaftet. Das lässt mein Haupt ehrfürchtig sinken vor der Leistung dieser Altvorderen!!