Schon mal was von Tuscia gehört? Wo Italien noch ursprünglich ist!

Bolsena 1 KarteTuscia, ein Schreibfehler? Sollte das nicht Toskana heißen? Nein, Tuscia nennt sich das Gebiet wo Toscana, Umbrien und Latium zusammentreffen. Herzstück des Gebietes ist der Bolsenasee auf dem Gebiet der Region Latium. Der Bolsenasee ist ein alter Vulkankrater. Der sehr dunkle, fast schwarze grobe Sand an den Ufern des Sees lässt an dem vulkanischen Ursprung keine Zweifel aufkommen. Die Orte rund um den See und darüber hinaus sind zwar touristisch erschlossen, aber sanft und sie wirken noch so ursprünglich wie die Toscana vor 35 oder 40 Jahren.

Diese Region hat eine mindestens 1000jährige touristische Tradition. Alle Pilger die nach Rom wollten und aus dem Norden kamen, mussten hier durch. Auch wir haben etliche Pilger auf Schusters Rappen, mit Rucksack und modernen Wanderstöcken, durch Bolsena und Montifiscone wandern und Quartier suchen gesehen.

Aus Montefiascone kommt auch der, bei Weinkennern bekannte Wein „Est!Est!Est!“, der aus einer alten Weinsorte hergestellt wird, die erst wieder seit Anfang der 70iger Jahre angebaut wird. Seit Mitte der 80iger Jahre ist auch der Wein aus diesen Trauben wieder erhältlich. Der Name des Weins geht auf einen deutschen Bischof zurück, der sich um 1111 n.Chr. auf Pilgerreise befand und seinen Diener immer voraus schickte, um die  Herbergen mit den besten Tropfen zu erkunden. Bei diesem Wein war der Diener so begeistert, dass er die Nachricht für seinen Herrn gleich drei mal an die Wand der Herberge schrieb: Est! Est! Est!, was so viel heißt wie: „Hier ist es! Hier ist es! Hier ist es!“

Aber warum ist diese Region noch so ursprünglich geblieben? Ich habe drei Erklärungen anzubieten.

Erklärung 1: Die Region lag lange Zeit abseits der Hotspots der modernen Tourismusentwicklung in der Toskana. Dadurch konnte sich der „moderne“ Tourismus langsamer und organischer entwickeln.

Erklärung 2: Im Gegensatz zur Toskana, insbesondere der Küstenregion hat die Region Tuscia durch die Wallfahrtstradition schon viel länger „Erfahrung“ mit dem Tourismus.

Erklärung 3: In der Toskana hat sehr viel auswärtiges Geld die Entwicklung vorangetrieben. Man kann das in vielen Orten, die sehr gut restauriert sind, sehen. Viele leerstehende Immobilien wurden von Norditalienerin, Florentinern und auch Deutschen aufgekauft und wiederhergerichtet, oder es wurden schmucke Sommerhäuser gebaut, was auch Einkommen in der Toskana geschaffen hat. Es hat aber auch dazu geführt, dass diese Immobilien nicht mehr dauerhaft durch die selben Menschen bewohnt sind. So verändert sich die Nachbarschaftsstruktur nachhaltig. Und das ist für den aufmerksamen „Reisenden“ spürbar.

Bolsena 3 - NachbarschaftIn der Region Tuscia sind vor allem die historischen Innenstädte, so unsere Beobachtung, noch durch Einheimische bewohnt und belebt, was man besonders ab Einbruch der Dunkelheit in den engen Gassen der Orte beobachten kann. Die Menschen treffen sich vor ihren Haustüren zu einem Schwätzchen, trinken vielleicht auch einen Schluck zusammen und bekräftigen so jeden Tag aufs Neue ihre Gemeinschaft. Ganz wichtig sind dabei auch die Allimentaris, Bars, Enotecas und die Tabakläden die immer wieder als Kommunikationsschnittstellen dienen. In den hoch entwickelten Touristen Hotspots ist teilweise diese identitätsstiftende Infrastruktur verloren gegangen, bzw durch effizient arbeitende Touristenangebote ersetzt worden.

Ich glaube es ist eine Kombination aus den drei Erklärungsversuchen, warum wir Tuscia noch so ursprünglich wahrnehmen. Wir hoffen, dass die Erklärungsversuche eins und zwei verhindern, dass die Fehlentwicklungen, die in der Toskana zu beobachten sind, sich hier nicht wiederholen.

Wer die Toscana ursprünglich erleben will, der ist in der Region Tuscia rund um den Bolsenasee gut aufgehoben. Wir sind glücklich, dieses Gebiet gefunden zu haben und verleben eine wunderbar entschleunigte Zeit.

Bei diesem Panorama verweilen wir gern für ein paar Tage.

Bolsena 2 - Seepanorama

Die Donau entlang – von Passau nach Wien #10

Radtouren1An den nächsten beiden Tagen machen wir einige Ausflüge mit dem Fahrrad in die Umgebung. Den Tagesabschluss gestalten wir dann in einem Heurigen. Wir probieren den Wein und natürlich auch die dazu angebotenen Speisen und in einem Weingut bleiben wir an einem Cabernet-Sauvignon hängen der schmeckte uns so gut, dass wir gleich zwei Kisten ordern, die wir am Abfahrtstag abholen wollen. Einen Cabernet-Sauvignon hätte ich in der Wachau nicht erwartet. Die Wachau ist für mich eher mit Zweigelt und grünen Veltliner verbunden. Auch in der Wachau scheinen die Winzer Neues auszuprobieren und sich dem allgemeinen Zeitgeist und Zeitgeschmack anzupassen.

Radtouren3Unser letzter Tag. Sehr angenehme Frühtemperaturen laden uns zum Frühstück im Freien ein. Wir wollen noch einmal nach Dürnstein hinüber fahren und noch ein paar typische Mitbringsel einkaufen. Das Flusskino vermeldet: insgesamt sechs Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker. Wir sehen schon von der anderen Uferseite, dass dort eine kleine Völkerwanderung im Gange ist. Noch wissen wir nicht was uns erwartet.
Als wir am unteren Stadttor den historischen Stadtkern betreten, erkennen wir das ganze Ausmaß der Völkerwanderung. Der gesamte Ortskern ist schlicht und einfach vollkommen überfüllt. In den Restaurants ist kein Platz mehr zu bekommen, in den Souvenirläden schubsen sich die Touristen gegenseitig von den Auslagen weg. Das ganze ist nur noch eine Touristen Abfertigung. Wir sind etwas sprachlos aber auch entsetzt. In Stoßzeiten, insbesondere an Wochenenden, gehört der Ort nicht mehr der einheimischen Bevölkerung sondern nur noch den Touristen. Uns kommen wieder die beklemmenden Gedanken in den Sinn, die uns schon bei unserem Besuch im Kloster Melk durch die Köpfe gingen. Hier geht es zwar nicht um ein UNESCO Weltkulturerbe, aber es geht hier um einen Ort in dem Menschen leben, und die ein recht auf ihre Heimat und ihr Zuhause haben.

Es kann aus unserer Sicht nicht sein, dass ein paar wenige Geschäftsleute (Ladenbesitzer, Gastronomen und Hoteliers), mit ihren Interessen ein ganzes Dorf okkupieren und die Bevölkerung zu eine Geisel ihrer Interessen machen. Ja, ich höre schon wieder das Argument: Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum… sicher, der eine oder andere Arbeitsplatz fällt da schon für die einheimische Bevölkerung ab. Die überwiegende Mehrheit allerdings, verdient auf andere Weise ihren Lebensunterhalt und die müssen Einschränkungen in ihrem Heimatort und ihrem Zuhause hinnehmen.
Etwas ratlos beschließen wir unseren Rückzug, radeln nach Krems und besorgen unsere Mitbringsel dort.

VollmondWir hatten, bis auf die ersten Tage, bestes Wetter auf unserer Tour. Doch nun, vermeldet der Wetterbericht eine deutliche Wetterverschlechterung. Es scheint fast so, als ob Petrus ganz genau weiß, wann unsere Reise zu Ende geht.
Ach, ja; da war noch was: Eine wunderschöne Vollmondnacht bei angenehmen Themperaturen…

Fazit: Eine erlebnisreiche und schöne abwechslungsreiche Tour. Wien werden wir wieder besuchen, um dann mehr ins Detail zu gehen. Genau so interessant wird der Vergleich mit einer ähnlichen Tour nach Prag sein, die wir uns schon fest vorgenommen haben.