Bolsena – wir tauchen ein in die italienische Lebensart.

Bolsena ist ein hübsches Städtchen, das sich an die steilen Hänge des Kraterrandes krallt. Zwischen dem historischen Stadtkern und dem Seeufer reihen sich die schmucken und modernen ein- und zweistöckigen Wohnhäuser und Appartementhäuser neueren Herstellungsdatums. Bolsena 2 - SeepanoramaAn der Strandpromenade finden sich auch ein paar kleine Hotels, die aber nicht höher sind als die dort wachsenden und schattenspendenden Pinien.

Seeseitig habe ich erwartet, viele Freizeitboote und touristische Wassersportangebote vorzufinden. Doch das hält sich alles in überschaubaren Grenzen. Natürlich gibt es ein paar Boote, ein kleines Fährschiff habe ich auch gesichtet, aber die verfügbare Segeloberfläche ist deutlich kleiner als die Seeoberfläche. In bekannten Binnenwassersportressorts, wie z.B. dem Gardasee, Starnberger-, Ammer- oder dem Bodensee Bolsena 4 - Burghabe ich bei gutem Wetter und am Wochenende manchmal den Eindruck, dass die Segeloberfläche die Seeoberfläche übertrifft und Badegäste um einen Stehplatz im Wasser bitten müssen. 😉

Überragt wird die Stadt von einer mächtigen Burg. Die Gassen sind so ausgerichtet, dass sie am Tage meist den wohltuenden Schatten spenden. Trotz des Schattens, das Erklimmen des Burgberges ist zur Mittagszeit eine schweißtreibende Angelegenheit.

Das Leben findet auf Strassen und öffentlichen Plätzen statt

An jedem Tag ist in den Morgenstunden Leben in der Stadt. Wir beobachten bei einem Cappuccino das Treiben am zentralen Platz der Unterstadt, der Piazza Matteotti. Es ist ein Kommen und Gehen. Geparkt wird, so scheint es, wie es gerade gefällt. Alles läuft ganz unaufgeregt ab. In Franken hätten sich schon längst die ortsbekannten Dorfbruddler zusammengefunden und hätten diesen Regelverstößlern ihren ganzen Unmut lautstark entgegengebracht.
Bolsena 5 - Schild Piazza MatteottiNicht so hier. Hier schmettert ein Regelverstößler einem anderen Passanten ein freudiges „Bonjorno“ entgegen, ein anderer Passant winkt ins Straßencafe hinein mit einem unüberhörbaren „Ciao, Enrico“, worauf ein Cafebesucher mit einem Winken und einem lauten „Ciao, Carlo“ den Gruß erwidert. Manchmal beteiligt sich auch der Busfahrer des Stadtbusses, der die Piazza Matteotti auf dem Weg in die “Oberstadt” durchqueren muss, an dem Begrüßungsritual.

Neben uns sitzen mehrere ältere Herren. Sie erzählen sich zum Teil lautstark Wichtiges, vielleicht auch nicht so Wichtiges, vielleicht auch den neuesten Tratsch. Wir wissen es nicht, denn wir verstehen den Inhalt der kreuz und quer laufenden Gespräche nicht. Den Stimmen, der sprachlichen Intonierung und der Gestik entnehmen wir aber pure Lebensfreude.

Bolsena 6 - Piazza HerrenrundeEine ältere Dame parkt ihren Kleinwagen direkt vor dem Cafe, ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Sie hilft ihrem Mann, der schon etwas gehbehindert ist, aus dem Auto und führt ihren Mann zu dem Tisch der älteren Herren, organisiert einen Stuhl vom Nebentisch, begrüßt beiläufig die anderen Herrn und setzt ihren Mann zu der vergnüglichen Runde. Dann verlässt sie das Cafe und scheint froh zu sein nun etwas Zeit für sich selbst zu haben. Das verursachte Verkehrschaos würdigt sie keines Blickes. Eine viertel Stunde später erscheint sie wieder und entfernt das Verkehrshindernis, lässt aber ihren Mann bei seinen “Kumpels” sitzen.

Bolsena 7 - Piazza MatteottiWir machen erst einmal einen Stadtrundgang und als wir wieder an dem Zentralen Platz zurückkommen, können wir amüsiert beobachten, wie die ältere Dame wiederum vor dem Cafe vorfährt, ihren Mann wieder in den Kleinwagen „einlädt“ und dann die Szenerie mit einem heißen Reifen verlässt. Wie wir am nächsten Tag, bei unserem obligatorischen Cappuccino feststellen, läuft das auch bei einigen anderen Herrn der geselligen Runde so ab. Wir finden es irgendwie niedlich, wie die älteren Herren von ihren Frauen zu ihrem „Frühschoppen“ gebracht und auch wieder abgeholt werden.

Mir geht der Begriff „Pantoffel-Helden“, angesichts des egomanischen Palavers, nicht aus dem Kopf. 😁 (WoMoline wollte diese Bemerkung streichen, doch ich habe darauf bestanden, dass meine Empfindungsbeschreibung erhalten bleibt.) 😉

Erst am Abend fängt das Leben an zu pulsieren

Am nächsten Abend gehen wir die Enotecas in Bolsena erkunden und lassen uns ganz bewusst nicht nur zu einem Tropfen verführen. Die Stimmung am Abend wird durch die mittelalterlichen Festspiele noch bunter und interessanter. Es wird ein Schauspiel in einer Gemeindehalle aufgeführt. Als “Vorspeise” gibt es einen mittelalterlichen Umzug in historischen Kostümen durch die engen Gassen der Stadt. Alles ist vertreten, Soldaten, die Handwerkszünfte, die Opfer der Inquisition – auch “Hexen” genannt, ein Scharfrichter mit Henkersbeil, die Honoratioren, Edelmänner und Edelfrauen, Bauern Leibeigene und Bedienstete, kirchliche Würdenträger und ein “Aussätziger” gezeichnet von der Lepra. Alle schreiten mit strengem Blick (der Leprakranke mit verborgenem Blick) durch die Gassen. Das schreibt die Dramaturgie wohl so vor. Doch ab und an kommt es zum stocken des Umzugs und es ergibt sich ein Augenkontakt mit den Darstellern der historischen Szenerie. So kann der/die eine oder andere Darsteller/in ein grinsen oder gar ein leises Lachen sich nicht verkneifen.

 

Wir fühlen uns irgendwie, wie Bürger Roms im Mittelalter und genießen die fröhlich festliche, vielleicht sogar erhabene, auf jeden Fall aber selbstbewusste Stimmung. Bolsena 9-2 KunstgewerbemarktIm Rahmenprogramm gibt es einen mittelalterlichen Markt mit Kunstgewerbe und an anderer Stelle Marktstände mit kulinarischen Angeboten. Am Rande des kleinen Platzes stolpern wir geradezu in einen kleinen Laden. Es geht um „tierische Spezialitäten“. Salamis und Schinken vom Wildschwein in allen Variationen. Mit allerhand verschiedenen Gewürzen und natürlich als Krönung mit weißen oder schwarzen Trüffeln. Wie schon in der Toskana scheint Tuskia auch ein bevorzugtes Gebiet für die feinen Trüffel zu sein.
Wir werden sofort vom Besitzer zum Probieren seiner Spezialitäten eingeladen. Obwohl er weder englisch oder deutsch spricht, und wir nur ein paar Höflichkeitsfloskeln auf italienisch beherrschen, klappt die Verständigung prächtig. Bei den Details zu seinen Spezialitäten helfen ein paar Produktaufkleber die meist in grausigem englisch, in ein paar Einzelfällen sogar in noch grausigerem deutsch, über die Inhaltsstoffe und verwendeten Gewürze informieren. Bolsena 9 - Salami-SpezialitätenTrotz all der sprachlichen Schwierigkeiten erfahren wir, dass der sehr freundliche und lustige Herr auf der anderen Seite der Ladentheke der Eigentümer nicht nur dieses Ladens, sondern auch einer kleinen Spezialitätenmanufaktur ist. Er legt großen Wert darauf, dass er der “Herr” der ganzen Herstellungskette ist, von der Jagd, der Ernte der Zutaten (Kräuter, “tuto regionale”) über die Wurstherstellung bis hin zum Verkauf. Alles Bio in Hofladenqualität würden wir vielleicht sagen. Und das alles mit sehr viel Liebe und Enthusiasmus sehr professionell präsentiert.
Es ist einfach eine Freude zuzusehen, wie dieser Mann “brennt” für das was er tut, als ob es seit seiner Geburt es niemals in Frage stand, dass genau diese Tätigkeiten an diesem Ort seine Bestimmung sind. Seine leuchtenden Augen verraten uns das. Gepaart mit diesem Wissen schmecken die probierten Schmankerl nicht nur sehr gut sondern außerordentlich.

Bolsena 10 - Enoteca am Abend

So ist es nicht verwunderlich, das eine Spezialität nach der anderen in unserem immer mitgeführten Nyloneinkaufsbeutel verschwindet. Entsprechend herzlich, lautstark und ausgiebig fällt dann auch die Verabschiedung aus, bevor wir uns dem zuwenden, was seit Jahrhunderten immer dazu gehörte und auch heute dazu gehört: dem Wein.

Bolsena 11 - der Weisswein

Ein Nachbar auf dem Wohnmobilstellplatz hatte uns den Tipp gegeben, eine Enoteca nahe der Burg zu besuchen, die ein besonders erlesenes regionales Weinangebot bereithält. Auf einer Mauer sitzend genießen wir unseren Wein, den uns die beiden netten Berlinerinnen, die die gegenüber liegende Enoteca betreiben, empfohlen haben. Es bleibt nicht bei dem einen Glas…

In dieser Stimmung fragen wir uns: “Fühlte es sich zu damaliger Zeit so an, ein Römer zu sein?” Wir glauben ja, auch wenn das Leben zu römischer Zeit oder im Mittelalter sicherlich wesentlich beschwerlicher war als heute. Ich denke mir, dass es für die kleine Oberschicht der „Bürger Roms“ die großen Reichtum angehäuft hatten so war, wie wir es heute in den Mauern dieser Stadt empfinden.

Schon mal was von Tuscia gehört? Wo Italien noch ursprünglich ist!

Bolsena 1 KarteTuscia, ein Schreibfehler? Sollte das nicht Toskana heißen? Nein, Tuscia nennt sich das Gebiet wo Toscana, Umbrien und Latium zusammentreffen. Herzstück des Gebietes ist der Bolsenasee auf dem Gebiet der Region Latium. Der Bolsenasee ist ein alter Vulkankrater. Der sehr dunkle, fast schwarze grobe Sand an den Ufern des Sees lässt an dem vulkanischen Ursprung keine Zweifel aufkommen. Die Orte rund um den See und darüber hinaus sind zwar touristisch erschlossen, aber sanft und sie wirken noch so ursprünglich wie die Toscana vor 35 oder 40 Jahren.

Diese Region hat eine mindestens 1000jährige touristische Tradition. Alle Pilger die nach Rom wollten und aus dem Norden kamen, mussten hier durch. Auch wir haben etliche Pilger auf Schusters Rappen, mit Rucksack und modernen Wanderstöcken, durch Bolsena und Montifiscone wandern und Quartier suchen gesehen.

Aus Montefiascone kommt auch der, bei Weinkennern bekannte Wein „Est!Est!Est!“, der aus einer alten Weinsorte hergestellt wird, die erst wieder seit Anfang der 70iger Jahre angebaut wird. Seit Mitte der 80iger Jahre ist auch der Wein aus diesen Trauben wieder erhältlich. Der Name des Weins geht auf einen deutschen Bischof zurück, der sich um 1111 n.Chr. auf Pilgerreise befand und seinen Diener immer voraus schickte, um die  Herbergen mit den besten Tropfen zu erkunden. Bei diesem Wein war der Diener so begeistert, dass er die Nachricht für seinen Herrn gleich drei mal an die Wand der Herberge schrieb: Est! Est! Est!, was so viel heißt wie: „Hier ist es! Hier ist es! Hier ist es!“

Aber warum ist diese Region noch so ursprünglich geblieben? Ich habe drei Erklärungen anzubieten.

Erklärung 1: Die Region lag lange Zeit abseits der Hotspots der modernen Tourismusentwicklung in der Toskana. Dadurch konnte sich der „moderne“ Tourismus langsamer und organischer entwickeln.

Erklärung 2: Im Gegensatz zur Toskana, insbesondere der Küstenregion hat die Region Tuscia durch die Wallfahrtstradition schon viel länger „Erfahrung“ mit dem Tourismus.

Erklärung 3: In der Toskana hat sehr viel auswärtiges Geld die Entwicklung vorangetrieben. Man kann das in vielen Orten, die sehr gut restauriert sind, sehen. Viele leerstehende Immobilien wurden von Norditalienerin, Florentinern und auch Deutschen aufgekauft und wiederhergerichtet, oder es wurden schmucke Sommerhäuser gebaut, was auch Einkommen in der Toskana geschaffen hat. Es hat aber auch dazu geführt, dass diese Immobilien nicht mehr dauerhaft durch die selben Menschen bewohnt sind. So verändert sich die Nachbarschaftsstruktur nachhaltig. Und das ist für den aufmerksamen „Reisenden“ spürbar.

Bolsena 3 - NachbarschaftIn der Region Tuscia sind vor allem die historischen Innenstädte, so unsere Beobachtung, noch durch Einheimische bewohnt und belebt, was man besonders ab Einbruch der Dunkelheit in den engen Gassen der Orte beobachten kann. Die Menschen treffen sich vor ihren Haustüren zu einem Schwätzchen, trinken vielleicht auch einen Schluck zusammen und bekräftigen so jeden Tag aufs Neue ihre Gemeinschaft. Ganz wichtig sind dabei auch die Allimentaris, Bars, Enotecas und die Tabakläden die immer wieder als Kommunikationsschnittstellen dienen. In den hoch entwickelten Touristen Hotspots ist teilweise diese identitätsstiftende Infrastruktur verloren gegangen, bzw durch effizient arbeitende Touristenangebote ersetzt worden.

Ich glaube es ist eine Kombination aus den drei Erklärungsversuchen, warum wir Tuscia noch so ursprünglich wahrnehmen. Wir hoffen, dass die Erklärungsversuche eins und zwei verhindern, dass die Fehlentwicklungen, die in der Toskana zu beobachten sind, sich hier nicht wiederholen.

Wer die Toscana ursprünglich erleben will, der ist in der Region Tuscia rund um den Bolsenasee gut aufgehoben. Wir sind glücklich, dieses Gebiet gefunden zu haben und verleben eine wunderbar entschleunigte Zeit.

Bei diesem Panorama verweilen wir gern für ein paar Tage.

Bolsena 2 - Seepanorama

Italien ein Land der heißen Quellen

Es wird uns am heutigen Tage bewusst, dass Italien eine geologisch unruhige Region ist. Wir erhalten durch eine SMS die Nachricht, dass sich wieder einmal ein Erdbeben mit mehreren hundert Toten ereignet hat, kaum 150 km von uns entfernt. Unsere Lieben und Bekannten wollen natürlich wissen, wo wir gerade stecken und ob es uns gut geht.

In diesen geologisch unruhigen Regionen mit sich häufenden Erdbeben und mit aktiven Vulkanen (jeder kennt den Vesuv und Stromboli), da finden sich auch immer wieder heiße Quellen.

Wir haben beschlossen, dass wir weiter landeinwärts fahren wollen. Auch wenn die Gefahr von Nachbeben besteht, so wagen wir uns doch in Richtung des Epizentrums des Erdbebens. Auf unserem Weg liegt Saturnia. Die heißen Quellen von Saturnia locken uns. Es geht über zum Teil abenteuerliche Nebenstraßen, die ab und an hochalpinen Charakter haben, ins Landesinnere. richtung-saturniaMit zunehmender Höhe tauchen immer mehr Olivenhaine auf, die sich mit Reihen von Weinstöcken abwechseln. Malerische Orte, die meist auf den Spitzen der Hügel liegen, säumen den Weg. Erwähnenswert auf dem Weg nach Saturnia ist Magliano in Toscana mit seiner imposanten Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert und Montemerano, einem liebevoll renovierten kleinen Ort, in dem sich einige Großstätter ein Feriendomizil geschaffen haben. In der Nebensaison sieht man aber das Dilemma, dass in vielen kleinen Orten der Region besteht. Es heißt: man sieht nur Katzen und ältere Menschen. Die Jungen gehen weg und die Region vergreist. Die Sozialstruktur kann sich nicht mehr erneuern. Die Lebenskultur der Region stirbt und wird nur kurzzeitig im Jahr durch eine Touristenkultur ersetzt.

Wir können und wollen auch gar nicht alle Orte hier vorstellen. Die ihnen eigene Lebensart der Menschen muss man ohnehin selbst erleben. Wir haben aber immer das Gefühl, die verbliebenen Menschen leben hier im Einklang mit der Natur und ihrer Region. Nicht nur die immer wieder zu sehenden italienischen Fahnen zeugen von einem National- und Regionalstolz, der ein tiefes Bekenntniss zu ihrer Heimat ausdrückt. Wir fragen uns: “Wie lange noch?”

Wir erreichen Saturnia. Schon bevor wir etwas sehen können, nehmen wir den „Duft“ der schwefelhaltigen Quellen wahr.

saturnia-1Die 37° heißen Quellen von Saturnia sind frei zugänglich. Da sie schon lange kein Geheimtipp mehr sind, sind sie von Tagestouristen in der Feriensaison überlaufen. Die offiziellen Parkplätze sind tagsüber voll und auf den bergigen Zufahrtsstraßen wird jede noch so kleine Parkmöglichkeit am Straßenrand genutzt. Mit einem Wohnmobil ist man da nicht wirklich wettbewerbsfähig, außer man ergattert einen freien Platz auf einem der beiden WoMo-Stellplätze.

Das ultimative Badeerlebnis im Sommer versprechen sowieso eher die Abend- und Nachtstunden. In den Becken liegen und in das Himmelszelt mit seinen unzählbaren Sternen schauen, dabei das Rauschen des in die Becken hineinstürzenden Wassers genießen, das ist schon eine Wucht! Einzig der etwas penetrante Geruch nach fauligen Eiern, der schwefelhaltige Quellen immer begleitet,“trübt“ etwas das Sinneserlebnis – zumindest für feine Näschen.😊

Einen Tag zu Gast bei den Kitern und Windsurfern in Talomone

talomone-3Wir fahren ein Stückchen weiter Richtung Süden. Wir lassen das Gebiet um Piombino, (hier fahren u.a. die Fähren nach Elba ab), Folonica, Massa Marittima, die nette Kleinstadt Grosseto und das Naturschutzgebiet Parco Regionale della Maremma aus, bis wir in Talamone ankommen. Hier finden wir wieder einmal einen „One Million Dollar View“. Wir stehen direkt am Meer mit Blick auf Talamone, den Monte Argentario mit dem am Fuße liegenden Porto San Stefano. Der Platz ist ein wahrer Hotspot für Surfer und Kiter. Alle warten auf den ultimativen Wind. Doch er kommt nicht. Das sportbegeisterte Publikum ist ein wohltuendes Kontrastprogramm zu den bespaßungshungrigen Urlaubern 150km weiter nördlich.

Unaufgeregt, ja fast gleichmütig warten sie auf den Wind, den sie für ihre Leidenschaft brauchen. Als dann doch der Wind etwas auffrischt wagen sich die ersten aufs Wasser. Doch nach einer halben Stunde schläft der Wind wieder ein und so schnell wie die Surfer und Kiter auf dem Wasser waren, genau so schnell sind sie wieder verschwunden und sitzen am Strand oder hinter ihren Wohnmobilen im Schatten, warten chipsfutternd auf morgen und auf kräftigeren Wind aus der richtigen Richtung.

Das alles ging so schnell, dass ich zu langsam war die Kamera aus dem WoMo zu holen. So gibt es kein einziges Bild von den coolen wagemutigen Helden der Bucht von Talomone.

talomone-2-porto-san-stefanoWir betrachten das Treiben als „Bay Watchers“ und zwischendurch genehmigen wir uns entsprechende Abkühlung im Wasser. Mit der hereinbrechenden Dämmerung werfen wir unseren Grill an. Bei einem grandiosen Abendpanorama verzehren wir unser Gegrilltes. Nun frischt der Wind wieder kräftig auf, doch für die Surfer und Kiter ist es nun zu dunkel. Wir schauen noch bei einer steifen Brise nach Porto San Stefano und nach Talomone, aber noch schöner ist der Blick in den Himmel zu den vielen leuchtenden Sternen.

Ach ja, von hier stammt auch das aktuelle Hauptbild unserer Seite. Im Hintergrund Porto San Stefano.

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Sand-Strand-Laufen nach San Vincenco

marina-di-castagneto-1Zu unserem Übernachtungsplatz in Marina di Castagneto müssen wir durch ein “Villenviertel” fahren. Wir haben schon die Befürchtung, dass wir wieder auf eine Strandparty-Area wie nördlich von Pisa treffen. Unser angestrebter Übernachtungsplatz liegt genau hinter den sandigen Dünen die den Strand vom grünen Hinterland trennen. Nach dem Abstellen des Wohnmobils stellen wir fest: Der Wind frischt immer stärker auf und nimmt in Böhen auch schon mal Sturmstärke an. Wenn dann auch noch einem aufgewirbelter Sand entgegen fliegt, dann heißt es nur noch: Augen zu, Nüstern zu und Mund schließen, sonst knirscht das Gebiss beim Abendbrot.

marina-di-castagneto-5Am nächsten Morgen beschließen wir einen Strandspaziergang nach San Vincenzo zu machen. Schnell zeigt sich, dass unsere Befürchtung einer Partyarea unbegründet ist. Überwiegend freier Strand, unterbrochen von einzelnen “Sonnenschirm-Areas” mit Bar-Anschluss und ein paar Wassersportangeboten. Die überwiegenden Strandbereiche sind aber frei zugänglich und naturbelassen. Das bedeutet aber auch, dass Seetangreste den Uferbereich zieren und was das idyllische Bild mehr stört, ist allerhand Unrat, den das Meer angeschwemmt und auf der Strandfläche verteilt hat. Ab und an zwingt uns das auch mal zum Slalom laufen.

marina-di-castagneto-3Wesentlicher Unterschied zu unserem Strandspaziergang in Camaiore ist aber der Sand. Der Sand ist nicht ganz so fein wie weiter nördlich. Das hat zur Folge, dass der Sand an der Wasserlinie einen nicht so festen Untergrund bildet und das Laufen am Strand mit Fußabkühlung sehr schnell anstrengend wird, weil die Füße immer wieder tief in den Sand einsinken und sehr viel Kraft der Füße im Untergrund „verpufft“. Das Laufen weiter oberhalb der Wasserlinie macht aber auch keinen Spaß, weil hier der Sand so heiß ist, dass man geschlossene Schuhe braucht um sich nicht die Fußsohlen zu verbrennen. Aber auch im heißen Sand ist das Fortkommen nicht weniger beschwerlich. So werden die geschätzten 10 km zur Herausforderung.

Auf dem Rückweg wird diese Herausforderung, die mit einem kleinen Muskelkater belohnt wird, noch gesteigert. Auf dem Hinweg haben wir noch starken auflandigen Wind von schräg hinten. Das haben wir unterschätzt, denn auf dem Rückweg haben wir Gegenwind von schräg vorne! Das erfordert noch einmal extra Körner!

San Vincenzo selbst ist ein Ort ohne erwähnenswerte Besonderheiten, direkt am Meer gelegen, was in dieser Region eher die Ausnahme ist. Der Ort ist, so unser Eindruck, geprägt von vielen Sommerhäusern, die wahrscheinlich nicht ganzjährig bewohnt sind. Außerhalb der Sommersaisonmonate dürfte dieser Ort in eine Art Winterschlaf verfallen.
marina-di-castagneto-2Die Atmosphäre die wir erleben ist entspannt, dem Kommerz auf ein erträgliches Maß entrückt und die Menschen, die wir auf unserem Spaziergang beobachten, fast ausnahmslos Italiener, wirken zufrieden und entschleunigt. Keiner muss hier etwas, keiner produziert oder inszeniert sich. Die Kinder haben ihren Spaß an Wasser und Sand, rennen mit Schwimmflügelchen oder Schwimmringen ins Wasser und wieder hinaus, probieren ihre Schwimmbretter aus, marina-di-castagneto-4vergnügen sich mit ihren aufblasbaren Badetieren oder bauen im Sand einen Hafen für ihre Spielzeugboote. Ein paar andere sind mit Surfbrettern oder kleinen Segelbooten unterwegs, aber alles ist entspannt. Das ist uns sympatisch und angenehm. Auf der ganzen Strecke sind uns drei oder vier Strandverkäufer begegnet. Das war’s an Kommerz, wenn man von den paar Strandbars einmal absieht.

Hier lässt es sich aushalten – aber bitte den Sonnenschutzfaktor 30 und die Sonnenbrille nicht vergessen!

Wein, Oliven und Zypressenalleen – Toskana pur zwischen Cecina und Piombino

volterra-ruckblickWir verlassen das malerische Volterra und fahren weiter in Richtung Meer. Eine recht steile und enge Straße schlängelt sich den Berg hinunter, die meine ganze Aufmerksamkeit erfordert. An einer Ausweiche noch mal anhalten und einen Blick zurückwerfen… Ciao Volterra.

Wir befinden uns am Nordende der Maremma. Umgangssprachlich wird unter der Maremma die gesamte südliche Toskana und Teile des nördlichen Latiums verstanden. Im engeren Sinne umfasst die Maremma aber nur den flachen, von den Hügelketten der Monti dell’Uccellina unterbrochenen Küstenstreifen zwischen dem Golf von Follonica, den Flussläufen der Bruna und des Ombrone sowie der Lagune von Orbetello am Monte Argentario. Dieses Gebiet war eine zusammenhängende, mit dem Tyrrhenischen Meer verbundene Sumpflandschaft. In der Maremma gelegene Orte führen daher häufig den Beinamen Marittima zum Ortsnamen, auch wenn sie gar nicht am Meer liegen.

Wir wollen nun die Maremma in mehreren Tagesetappen durchqueren bis nach Talamone, das südlich des heutigen Naturparkes Uccellina liegt. Nebenbei bemerkt, Talamone war in der Renaissance der Hafen der freien Stadt Siena.

maremma-1-nordWir fahren Richtung Cecina. Der Talgrund ist kaum besiedelt. Auf Cecina und Cecina Mare haben wir keinen “Bock”. Also biegen wir kurz vor Cecina nach links ab in die erste Hügelkette nach dem Meeresstrand. Kleine, touristisch nahezu unbekannte Orte säumen unseren Weg.

Montescudaio, Guardistallo, Casale Maritimo, Bibbona, Bolgheri oder Castagneto Carducci alle sind sie einen Besuch wert. Auch wenn in den beiden  letzteren Orten der Tourismus inzwischen das Ortsbild beginnt stark zu verfälschen, so sind in der gesamten Hügelkette noch viele “Geheimtipps” verborgen, die mit etwas Zeit und Muse entdeckt werden wollen. Ich war schon mehrfach in den letzen 25 Jahren in dieser Region. maremma-2-nordEs scheint sich kaum etwas zu verändern – als ob die Zeit stehen geblieben ist. Selbst die Schlaglöcher in den Straßen sind gefühlt noch die Gleichen wie damals.

Wie dem auch sei, hier geht Tourismus auf jeden Fall etwas langsamer und etwas stiller vonstatten. Nicht wie in Viareggio, Forte dei Marmi und den anderen mondänen Badeorten weiter nördlich, sondern bedächtig und ruhig, so wie man sich klischeehaft italienische Lebensart vorstellt. Natürlich ist auch hier das Leben von den Marinas die im Sommer aus den Nähten platzen beeinflusst. Halligalli spielt sich aber eher punktuell am Meer ab.

maremma-3-nord-zypressenalle-bolgheriDie wahrscheinlich längste Zypressenallee in der Toskana führt von der Via Aurelia (SS 1) über vier Kilometer ins Landesinnere nach Bolgheri. Für Bolgheri gilt die Beschaulichkeit während der Sommermonate nicht mehr. Fast in jedem Haus gibt es etwas zu essen, Kunsthandwerk zu kaufen oder eine Weindegustation. Von hier kommt der Sassicia, ein Rotwein der zu den Besten der Region zählt. Dieser hat auch seinen Preis. Der Wein besteht überwiegend aus Cabernet Sauvignon Trauben und einem kleinen Anteil Cabernet Franc und wird natürlich im Eichenfass ausgebaut. Die geschützte Bezeichnung Sassicia heißt so viel wie steiniger Boden. Weinliebhaber die sich in dieser Gegend aufhalten, sollten am Abend bei untergehender Sonne sich ein Gläschen davon gönnen. Die italienische Abendatmosphäre in Bolgheri brennt das Geschmackserlebnis des Weines tief in die Gehirnwindungen ein.

Nach weiteren zehn Kilometern erreichen wir Castagneto Carducci, das bis 1907 Castegnato Marittima hieß. Nach dem der Italiener Carlo Carducci 1906 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde ein Jahr später sein Heimatort kurzerhand in Castagneto Carducci umbenannt.

Man stelle sich mal vor, in Deutschland wäre Kreuzau in der Rureifel, der Lebensort von Heinrich Böll, bekannter Maßen ebenfalls Literaturnobelpreisträger, einfach in Böll umgetauft worden. Auf so eine Idee ist wahrscheinlich erst gar niemand gekommen. Und wenn doch, dann wäre diese Person geteert und gefedert worden. In Italien scheint so etwas ohne weiteres möglich zu sein, wie wir das ja schon in Viareggio mit dem Stadtteil Torre del Lago Puccini gesehen haben, in dessen Namen der Komponist Puccini verewigt wurde. Andere Kulturen, andere Sitten.

Der auf knapp 200m über dem Meeresspiegel liegende Ort bietet an mehreren Stellen eine wunderbare Aussicht über das Meer. Das Ortsbild wird beherrscht von einem Kastell, das noch heute bewohnt und in Familienbesitz ist und daher auch nicht besichtigt werden kann.

Wir entscheiden uns nun wieder ans Meer nach Marina di Castagneto zu fahren und dort für die nächsten zwei Tage etwas Strandentspannung zu genießen.

Wie von Populisten die Reisefreiheit ausgehebelt wird.

Auf unserer Wunschliste steht schon seit langem Tschechien und die Hauptstadt Prag zu erkunden. Doch schon seit geraumer Zeit habe ich etwas Bauchgrummeln bei diesem Reiseziel. Ich muss zugeben ich wusste bisher nicht genau warum, aber unterbewusst hält mich etwas zurück, das spüre ich genau.

In einem weiteren Artikel werde ich mich noch mit den von uns beobachteten dramatischen Veränderungen im Jahr 2016 aus unserer Sicht als „Reisende“ beschäftigen. Soviel sei aber schon hier gesagt: Wer genau hinschaut, der sieht viele Anzeichen, dass das unbeschwerte aufeinander Zugehen der Menschen in Europa zusehends leidet. Die Unbeschwertheit mit der wir in den Jahren zuvor gereist sind, wollte sich in diesem Reisejahr nicht einstellen und ich befürchte das wird sich auch nicht im Jahr 2017 ändern.

Wenn ich Meldungen wie die Folgende lese, dann erscheint meine Skepsis wohl auch berechtigt:

„Präsident Milos Zeman rief sein Volk jüngst auf, sich zu bewaffnen, weil Tschechien höchste Gefahr drohe. In einem Live-Chat des Boulevardblatts „Blesk“ erklärte sich der 72-Jährige bereit, höchstselbst mit der Waffe in der Hand die Grenze gegen die „Illegalen“ zu verteidigen. Auch seine Frau besitze auf seinen Rat hin bereits einen Waffenschein.

Um die Prager Burg, den Sitz des Präsidenten, vor Terroristen zu schützen, müssen sich seit geraumer Zeit alle Touristen einer genauen Untersuchung unterziehen. Auf der Zugangsstraße zur Burg bilden sich täglich lange Schlangen von Menschen. Ein „ideales Ziel“ für Terroristen, bemerkte am Mittwoch sarkastisch ein Kommentator des Nachrichtenportals „Aktualne.cz“.“

DIE WELT – online 5.1.2017 zittiert aus: „Warum ein Lidl-Werbeprospekt einen Shitstorm auslöste“


Da ruft der Tschechische Präsident zur Bürgerbewaffnung auf!

Woher weis ich, dass seine Bürger zwischen Migranten, Touristen und Reisenden unterscheiden (können)? Ich habe Zweifel, es gibt mir auf jeden Fall kein gutes Gefühl und wird mich mit einer sehr aufmerksamen „Hab-Acht-Haltung“ reisen lassen.
Wenn die Bürger in Tschechien nur noch bedingt den Schutz ihrer staatlichen Verwaltung erwarten dürfen, so gilt das für mich als Reisenden erst recht. Also ist das Meiden potentieller Anschlagsziele von Terroristen der beste Selbstschutz in Tschechien. Für ängstliche Menschen, die kein Zutrauen zu ihrer eigenen Spürnase haben, ist das schon ein guter Grund das Reiseziel Prag und vieles drüber hinaus zu meiden. So ängstlich sind wir nicht.
grenze-tschechien-sicherheitsbereichWenn aber ein Gemeinwesen wie der Tschechische Staat allen Bürgern die Legitimation erteilen will, alles Fremde im Ernstfall mit Waffengewalt vom tschechischen Territorium fern zu halten, dann überdenken auch wir unsere Reisepläne!

Es mag sein, dass formaljuristisch die Reisefreiheit in Europa weiterhin besteht. In den Köpfen wird sie, nicht nur von den Populisten, systematisch abgeschafft!

So wird die Reisefreiheit in Europa klangheimlich wieder abgeschafft!
Nur der Euro bleibt – Wie lange noch?

Die Wandzeitung lebt!

Ich habe immer geglaubt, Wandzeitungen seien eine Erfindung der Kommunisten und berühmt geworden durch Mao Zedong. Er leitete mit seiner ersten Wandzeitung 1966 in China seine „Kulturrevolution“ ein. Mit dem Niedergang des Kommunismus sei, so glaubte ich, die Wandzeitung ebenfalls wieder verschwunden.
Doch schon in mehreren Orten in der Toskana, wie auch hier in Volterra stolpern wir geradezu über diese „Wandzeitungen“ Mit einem Blick in Wikipedia zeigt sich jedoch, dass auch schon im Nationalsozialismus die Wandzeitung zur Verbreitung von Informationen (damals war es eher Propaganda) genutzt wurde. Das war mir nicht bewusst.

volterra-10-wandzeitungDoch hier in dieser Region gibt es sie noch: die Wandzeitung. Groß und breit sind an dafür vorgesehenen Tafeln, die an großen Mauerflächen angebracht sind, vor allem die Todesanzeigen ausgehängt. Wir haben schon bei unserer letzten Italientour von einem Erlebnis auf einem Friedhof berichtet. Da war uns aufgefallen, dass die Toten nicht auf einem Friedhof „weggesperrt“ werden, sondern, dass der Friedhof die Begegnungsstätte der Lebenden mit den Ahnen ist. Diese Begegnungen sind ganz selbstverständlich in das Alltagsleben integriert. Wir sehen diese Wandzeitung als ein weiteres Indiz, dass das Werden und Vergehen in diesen Lokalgesellschaften viel präsenter und bei Weitem nicht so tabuisiert ist, wie bei uns.

Wir haben diese Wandzeitungen nun schon mehrfach entdeckt, und so nehmen wir an, dass dies eine gute alte gepflegte Tradition in dieser Region ist. Da bei dieser Art Zeitung der Platz stark begrenzt ist findet man hier nur die wirklich wichtigen Dinge in einem Ort. Wer ist neu dazugekommen, wer ist in die Ewigkeit eingegangenen und was für Veranstaltungen finden in nächster Zeit statt, die den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken. Keine große Weltpolitik, keine letztlich unwichtigen Dramen der modernen Gesellschaft. Die haben hier keinen Platz. Das ist eine sympathische Tradition, wie wir finden. Wir sollten vielleicht einmal darüber nachdenken ob wir diese Tradition bei uns nicht auch übernehmen sollten. Für uns wäre es zumindest ein praktisches Beispiel für kulturelle Bereicherung.

Volterra – von etruskischen Mauern zur mittelalterlichen Festung

Das touristische Volterra lassen wir hinter uns und wenden uns dem historischen Volterra zu.

Im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand das heutige Volterra aus der Verbindung mehrerer kleiner etruskischer Ansiedlungen. Diese können bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgt werden. In dieser Zeit bauten die Etrusker eine etwa sieben Kilometer lange Ringmauer, die in Teilen der heutigen Stadtmauer entspricht. Ein Stadttor aus dieser Zeit, die Porta all’Arco ist bis heute erhalten geblieben.
Das etruskische Volterra war eine der ältesten und größten der zwölf Bundesstädte Etruriens. Nach der Unterwerfung der Etrusker durch die Römer im 1. Jahrhundert n.  Chr. war Volterra eine römische Stadt mit den damals gültigen Stadtrechten. Volterras Lage (mehr als 500m ü.d.M) machte den Ort zu einer starken natürlichen Festung.
Aus der etruskischen Zeit ist nicht mehr viel zu finden, wenn man von Grundmauern und dem erhalten gebliebenen Stadttor absieht. So beginnt unsere Zeitreise im römischen Amphietheater, dem Teatro Romano, dessen Bau in die Zeit des bekannten Kaiser Augustus fällt.
volterra-11-teatro-romanoDie Ausmaße sind mit rund 2000 Sitzplätzen beachtlich. Ein Großteil der damaligen Bevölkerung fand also im Teatro Romano Platz. Angesichts der Tatsache, dass es zu dieser Zeit weder Fernsehen noch Internet gab, war das wohl der „Gemeinschaftsfernsehraum“ für das „Herzkino“ am Sonntagabend.
Unterhalb der teilweise rekonstruierten Bühne liegen die Thermenanlagen, die aus späterer Zeit stammen.

Der obere Zugang zum Theatro Romano liegt an einer Parkanlage von der man zu einer gewaltigen Festungsanlage blickt. volterra-12-festungDiese entstand, soweit wir das recherchieren konnten ab dem 14. Jahrhundert, als Volterra unter die Herrschaft von Florenz kam. Das ist auch die Zeit des Aufstiegs der Medici-Familie. So verwundert es nicht, dass die Festungsanlage auf das Wirken der Medici zurückgeht. In dieser Region für uns inzwischen keine Überraschung mehr.
Am vorangegangenen Wochenende wurde ein Mittelalterfest abgehalten. Vergleichbare Veranstaltungen finden sich zu Hauf zu dieser Jahreszeit in der Region. In irgendeinem Ort in der Umgebung ist immer etwas los. Oft bildet dann ein Feuerwerk den Abschluss oder den Höhepunkt einer solchen Veranstaltung. Doch wir sind zwei Tage zu spät dran.
Wir sehen nur noch die Reste der Veranstaltung im Park. Das macht aber nichts, wir werden noch bei einigen Stationen auf dieser Reise eine Chance bekommen, einem solchen Fest beizuwohnen.volterra-13-1-santa-maria-assunta-aussen

Indes versuchen wir uns das mittelalterliche Leben vorzustellen. Ähnlich wie in Pisa fällt es uns schwer. Dennoch erfreuen wir uns an den restaurierten Gebäuden und kehren noch einmal in das 12. und 13. Jahrhundert zurück als Volterra eine Republik war. Aus dieser Zeit stammen einige der Volterra prägenden Gebäude.volterra-13-santa-maria-assunta

Der Dom Santa Maria Assunta aus dem frühen 12. Jahrhundert mit einer Kassettendecke und mit Granit vortäuschender Stuckverkleidung der Säulen, liegt unscheinbar und etwas versteckt im alten Zentrum. Wir stolpern förmlich in die Kirche hinein. Denn sie liegt eng verwinkelt und versteckt an einem kleinen Platz. Dem Dom gegenüber steht, ähnlich wie in Pisa, eine Taufkirche (Baptisterium). volterra-13-5-santa-maria-assunta-taufkircheAber hier gibt es keine Großzügigkeit. An die Seitenmauern sind z.T. Gebäude angebaut. Topographisch ist der Platz in Volterra begrenzt und daher sehr wertvoll.

volterra-13-3-santa-maria-assunta-beichtstuhlIm Dom gleich zwei Überraschungen.
Zunächst der HeizPilz, den bei uns outdoorfanatische Cafebetreiber in den Wintermonaten für ungetrübtes Biergartenfeeling einsetzen, steht hier neben dem Beichtstuhl. Wir rätseln. Immerhin ist es noch immer August!
Da geht man schon mal gerne in die Kirche, um sich abzukühlen, nicht um sich aufzuheizen. Wir schauen uns um, ob wir einen Beichtvater finden, um näheres zu erfahren. Doch leider: Niemand da.
Wir geben uns mit der Hilfserklärung zufrieden, dass der Beichtvater „Eisbeine“ hat.

Dann die zweite Überraschung.
Wir kennen alle den Marienkult der katholischen Kirche. In Darstellungen sind wir an Maria mit dem Kind auf dem Arm gewöhnt, das sehr häufig Gesichtszüge eines Erwachsenen aufweist (!). Es ist selbstverständlich und unreflektiert. Es ist eben so. volterra-13-4-santa-maria-assunta-vater-u-sohnDahinter stehen natürlich spirituelle Deutungen und Symboliken, doch das ist uns gar nicht mehr so bewusst. Und Vieles wurde in Laufe der Zeit auch umgedeutet, um z.B. den Machtanspruch des Patriarchats zu untermauern und bestimmte Rollenbilder in der Gesellschaft zu etablieren. Das alles, und noch viel mehr, wird uns schlagartig bewusst als wir vor einer Statue stehen die uns darauf hinweist, dass es zu Jesus auch einen weltlichen Vater gibt.
Schlagartig werden uns viele Wiedersprüche in den Wurzeln unserer christlichen Kultur bewusst. Dies nun auszuführen würde das Thema sprengen. Diese Statue mit Jesus Christus auf dem Arm seines leiblichen Vaters Josef – ach ich vergesse, da gibt es ja noch die „unbefleckte Empfängnis“ – initiiert bei uns eine Menge an Reflektion und Diskussion darüber.
Das allein macht den Besuch in Volterra schon wertvoll für uns. In Pisa im Touristengedränge wäre eine solche Erfahrung, solch ein Anstoß undenkbar. Auch wenn in Volterra schon sehr viel touristisch gestylt ist, es gibt noch genügend Ecken in denen man in eine vergangene Kultur, die uns selbst geprägt hat, eintauchen kann – vorausgesetzt, man geht mit offenen Sinnen durch die Welt.

Unweit des Doms führt unser Weg zwangsläufig am Hauptplatz der Stadt, der Piazza dei Priori vorbei. Hier steht der älteste erhaltene Kommunalpalast der Toskana, der Palazzo dei Priori. Weitere „Sehenswürdigkeiten“ wie Privatpaläste und Wohntürme aus dem 12. und 13. Jahrhundert, wie der Palazzo Pretorio, der als Gefängnis dienende Torre del Porcellino oder der prachtvolle Palazzo Incontri-Viti säumen unseren Weg.

Volterra – die Alabasterstadt in der Toskana

volterra-2Es ist wohl schon mehr als 20 Jahre her, dass ich in Volterra war. In lebhafter Erinnerung ist mir ein Laden mit Alabasterprodukten geblieben der sich direkt am Ortseingang auf einem kleinen Platz befand. Gegenüber, an der durchbrochenen Stadtmauer und dem Wendeplatz für Omnibusse, gibt es einen Punkt mit grandioser Aussicht über die Dächer der Stadt hinein in das weite Land. Soweit ich mich erinnere, ein beliebter Platz für alle Hobbyfotografen.

Auch in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch in einer Alabasterschleiferei in der die Produkte und Kunstwerke aus lichtdurchlässigem Gestein hergestellt werden. Damals, vor 20 Jahren, gab es in den Seitenstraßen noch einige dieser Schleifereien. volterra-1Sie sahen etwas unaufgeräumt aus, versteckt in Kellern, Innenhöfen und der Alabasterschleifstaub war überall. Ich bin gespannt darauf, ob sich Volterra heute noch so präsentiert, wie ich diese Stadt in Erinnerung habe.

Der Wohnmobilstellplatz liegt viele Höhenmeter unterhalb des Stadtzentrums. Das heißt wir haben erstmal eine Menge Treppenstufen zu überwinden.

Nach ein paar Metern, oh wie schön, finden wir eine Alabasterschleiferei die individuelle Kunstanfertigungen herstellt. Aber alles top sauber, kein Schleifstaub, eine moderne Staubabsauganlage und einige Exponate schön im Schaufenster dekoriert. Wir können durch das Schaufenster auch zuschauen, wie die Künstlerin an einem Stein arbeitet. Ich denke mir: „Oh, wie schön, es scheint alles noch wie damals zu sein. Nur vielleicht etwas modernisiert“ und ich bin voller Hoffnung, dass wir noch weitere dieser Betriebe bei unserer Besichtigung sehen werden. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Gleich neben an eine weitere „Schauschleiferei“. Es werden die einzigen Schleifereiateliers bleiben, die wir in den alten Stadtmauern finden werden. Dafür finden wir etwas später ein Plakat das, soweit unser italienisch reicht, auf Besichtigungen in einer Schleiferei unten im Tal hinweist. Aber alles in italienisch, dessen wir nicht mächtig sind. Wir hätten gerne noch einen Tag mit einem Besuch dort dran gehängt, aber wenn wir gar nichts verstehen, dann begnügen wir uns mit dem abfotografieren des Plakats.

Nur wenige Meter von den Alabasterschleiferei-Ateliers entfernt treffen wir auf die erste Touristenstraße. Hier reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen natürlich in der Alabasterstadt mit allerlei Produkten aus Alabaster. Alabasteraschenbecher, Alabasterelefanten, Alabasterlampen, Schachspiele aus Alabaster, Kugeln, Herzchen, Briefbeschwerer. Es gibt, glaube ich nichts, was man nicht aus Alabaster herstellen kann. Und all das findet sich in den Auslagen der Läden. Kommt man aus dem 5. Laden heraus stellt man fest: alles wiederholt sich. Jeder hat die gleichen Produkte, jeder hat die gleichen Preise, zwar unterschiedlich dekoriert und mit anderen Produkten wie Wein oder Olivenöl kombiniert, aber alles das Gleiche. Der ganz überwiegende Teil sind standardisierte Massenprodukte vermutlich auf computergesteuerten Kopierschleifmaschienen in industriellem Maßstab hergestellt.

Alle Läden können offenbar von dem massigen Touristenstrom leben. Wir müssen lange suchen bis wir Läden finden, die Unikate anbieten, die unter künstlerischen Aspekten „wertvoll“ oder zumindest einzigartig sind. Beim Blick auf die Preisschilder wird das auch sofort deutlich. Der Preisunterschied ist enorm im Vergleich zur der sonst üblichen Massenware. Für den Preis bekommt man dann Unikate, oder wenigstens handgefertigte Exemplare, wie sie wohl in der Schaumanufaktur, an der wir vorbeigekommen sind, hergestellt werden.
Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht jedem dieser Künstler angenehm ist sich über die Schulter schauen zu lassen. Und so vermute ich, dass auch noch etliche dieser Steinschleifer im Verborgenen arbeiten.
Man kann herausragendes Kunsthandwerk finden das diesem Wort gerecht wird. Aber man muss es suchen und muss das nötige Kleingeld mitbringen.

Wir kommen zu dem Platz der mir noch in Erinnerung geblieben ist. Den Laden mit den Alabasterwaren gibt es also noch. Es scheint sich also nicht sehr viel verändert zu haben. Lediglich den Platz vor dem Geschäft hatte ich wesentlich weitläufiger in Erinnerung. In diesem Laden häufen sich die besonderen und teuren Stücke. Es ist einer der Läden, in denen man Unikate und von Künstlern hergestellte Skulpturen, Lampen aber auch Gebrauchsgegenstände finden kann. So entdecke ich schon beim Eintritt in das Geschäft einen nicht zu übersehenden Hinweis: No Photo. Hier soll wohl dem Ideenklau entgegengewirkt werden. Somit ist mal wieder fotografieren aus der Hüfte angesagt ;-).
Dunkel erinnere ich mich, dass ich mich vor 20 Jahren für ein Schachspiel aus Alabaster interessierte, aber mich dann doch nicht zum Kauf eines solchen entschließen konnte. Auch heute entdeckte ich zwei außergewöhnlich gestaltete Schachspiele. Unsere häuslichen Gegebenheiten sind heute andere, wodurch ein solches Exponat keinen angemessenen Platz bekommen würde. Diese wunderschönen Arbeiten in einem Schrank zu verstecken, das wäre ein Frevel. Ich freue mich an den künstlerischen Arbeiten, aber ein Kauf kommt nicht in Frage.

Genug Ge-Alabaster-t. Nun ist die Postkartenansicht daran. Wir verlassen den Laden, überqueren den Platz und genießen die toskanische Postkartenansicht zusammen mit vielen anderen Touristen. Sie versuchen entweder, genauso wie wir, dieses schöne Panorama einfach in sich aufnehmen, vielleicht sogar krampfhaft das Bild zusammen mit dem erhebenden Gefühl in ihre Erinnerung fest einzubrennen, oder aber sie warten einfach auf ihren Bus. Für die, die gelangweilt auf einem Stück Stadtmauer sitzen und ihr Lunchpaket in sich hineinmapfen, gilt vermutlich letzteres ;-).

Wir gehen in eines dieser Szenecafés, die man immer häufiger auf den Touristenmeilen finden kann. volterra-8-3-cafe-bar-schauraumDas Café oder die Bar, ich weiß nicht genau wie ich das bezeichnen soll, ist nicht nur ein Ort um schnell mal einen Espresso oder Cappuccino zu trinken, sondern ist gleichzeitig auch Weinhandlung, Olivenölhandlung, es werden feine Schokoladen angeboten, Wildschweinsalami, eingelegte Trüffel und noch so manche weitere Leckerei, die man auch gleich als Bestandteil kleinerer Gerichte probieren und verzehren kann.
Uns hat aber gar nicht das verlockende Angebot zum Einkehren in dieses Lokal bewogen, sonderen dieser putzige Kerl, der Lucaffe, der auf Dosen, Tassen und Plakaten uns von allen Seiten anlächelt. Na klar, diese Kaffeebohnendosen samt Inhalt gibt’s natürlich auch zu kaufen. Bei dezenter, verkaufsfördernder Hintergrundmusik zelebrieren wir italienisches dolce vita.

Mit einem Cappu und einem süßen Teilchen im Bauch setzen wir frisch gestärkt unsere Besichtigung fort.

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