Perspektivwechsel: Landblick von einer Müritz-Yacht

In Rechlin sind wir mir Bekannten verabredet, die dort ein „riesiges“ Hausboot liegen haben. Es ist wohl eher ein Schiff aus Stahl und Holz, keine Plastikschüssel, mit zwei Dieselmotoren, die einem modernen Sattelschlepper die Schau stehlen können, nicht nur was die Leistung angeht, sondern auch beim Sound der zu den 17t Gewicht passt.

Wir fahren hinaus über den See zur kleinen Müritz und diese hinauf. Wir lernen das Land von einer ganz anderen Seite, der Seeseite, kennen. Eine wunderschöne Seenlandschaft. Schilfzonen wechseln ab mit üppigem Baumbewuchs, der mich manchmal an Bilder von Mangrovengebieten erinnert. Immer wieder tauchen Gruppen von kleinen Bootshäusern auf. Sie sehen aus wie die Pfahlbauten am Amazonas. Wir taufen die kleine Müritz um zum: „Deutschen Amazonas“. Nur Piranias und Krokodile müssen wir hier nicht fürchten.

Müritz – Bootsfahrt

Wir wollen in einer Badebucht ankern, doch der niedrige Wasserstand in diesem Jahr vereitelt dieses Vorhaben. Wir setzen die Landschaftserlebnisfahrt fort.
Ich darf auch mal ans Steuer. Es ist ein gemächliches dahingleiten. Dennoch ist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich. Sehr viel vorausschauendes Handeln ist nötig, um sicher um die Biegungen und Untiefen, als auch um Segler und Kanuten herumzusteuern. Auch können Schwimmer auftauchen (und die sind in der glitzernden Wasserfläche ganz schwer auszumachen), die in den Fahrweg einfach nicht hinein gehören, aber trotzdem da sein können.

Müritz – Bootsfahrt

Am Abend, nach dem Zubereiten eines guten Essens in der Kombüse, lassen wir den Abend mit Sekt und Rotwein ausklingen. Dabei wird mir der Goldene Störtebeker Bierdeckel für die erfolgreiche Erststeuerung eines Müritz-Riesen verliehen. Ganz stolz liege ich an diesem Abend in unserer Koje.

Waren an der Müritz – McPom-Ballermann oder Möchte-Gerne-Monaco?

Früh haben wir uns aufgemacht nach Waren/Müritz. Es wird das Kontrastprogramm zu Neubrandenburg werden. Nur, wir wissen es noch nicht.
Wir fahren über Land. Das Land ist überwiegend vom Ackerbau gekennzeichnet. Riesige Felder, die jetzt zumeist schon abgeerntet sind. Hier und da sehen wir noch die großen Rundstrohballen auf den Feldern liegen. Die Meisten sind aber wohl schon im Trockenen und sicher vor überraschenden Gewittern. Nur vereinzelt sehen wir ein paar Kühe auf der Weide.

Der erste WoMoStellplatz an einem Blumencenter ist voll. So steuern wir die 2. Alternative in Waren an: ein Parkplatz in der Nähe des Hafens direkt an der Hafenpromenade. Schon die Zufahrt ist ziemlich eng und eher für PKWs gedacht. Mit Übernachtung 23€ für einen Stellplatz der Größe 2,5 m x 6 m, seitliches Aussteigen nur für schlanke Menschen vorgesehen, sowie Essensdüfte und Ballermann-Gegröhle inclusive. Die einzige Lehre, die wir daraus ziehen können ist: Fahr niemals einen Stellplatz in der unmittelbaren Nähe eines Hotspots an.

Der Hafen – ein Möchte-Gerne-Monaco?

Aber: wir wollen es ja so! und das werden wir noch bitter bereuen. Der erste Weg führt uns zum Hafen. Der Hafen wird umsäumt von allerlei Hafengastronomie, gelegentlich unterbrochen von Häusern mit Ferienwohnungen.

In den letzten Jahren wurden im östlichen Teil des Hafens Luxus-Immobilien direkt an der Kaimauer hochgezogen. Ein großer offener Platz trennt Boote von den Immobilien. Der Platz lädt zum Flanieren ein. Wer allerdings den Fischern bei der Arbeit im Hafen zusehen möchte, der wird enttäuscht sein. Kein einziges Fischerboot weit und breit. Stattdessen Rundfahrtschiffe, Hausboote und Yachten. Die ganz tollen Yachten liegen natürlich direkt an der Kaimauer, damit die Gaffer sie bei ihrem Abendessen an Deck und beim Champus schlürfen bewundern können. Es ist das gleiche Geschäftsmodell wie in St. Moriz, Kitzbühel oder Rottach-Egern. Die Reichen und Schönen bezahlen teure Schiffchen und Liegeplätze, um sich der Illusion von Wichtigkeit, Glanz und Glamour hinzugeben und dem einfachen Volk wird (kostenlos) die Möglichkeit gegeben auch mal (als Gaffer) „hautnah“ dabei zu sein, um für einen kurzen Moment die Illusion zu inhalieren, wie es sich anfühlt „auch dazu zu gehören“.
So bekommt scheinbar jeder was er braucht und will und die Cleveren kassieren ab.

Wir haben auf Bilder dieses seltsamen Treibens zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verzichtet und belassen es bei einem Bild mit Anglern, die gegen die Veröffentlichung des Bildes nichts einzuwenden haben.

Die Stadt – Kulisse für ein zweifelhaftes Tourismusmodel?

Waren, ging im frühen 13. Jahrhundert aus einer slawischen Siedlung hervor und wurde durch westfälische Siedler ausgebaut. Acht Jahrzehnte war Waren Residenzstadt der Fürsten von Werle. Jahrhundertelang gehörte die Stadt zu Mecklenburg-Schwerin. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges, zahlreiche Stadtbrände und Epidemien warfen die Stadt in ihrer Entwicklung immer wieder zurück. Heute ist Waren mit rund 20.000 Einwohnern der Hauptort an der Müritz und wohl das Zentrum der Urlaubsregion Mecklenburgische Seenplatte.

Die weitgehend gut erhaltene Altstadt mit vielen historischen Bauwerken ist sehr schön restauriert, ebenso wie die am See liegenden Herrschaftshäuser und Villen zu beiden Seiten des Hafens. Sozialistische Einheitsarchitektur konnte sich hier nur in den Außenbezirken etwas durchsetzen. So ist ein zusammenhängendes Gesamtensemble in Waren erhalten geblieben.

Waren die Stadt der größten Schiffspropeller

Von Frank Liebig – Archiv Frank Liebig, CC BY-SA 3.0 de

Bei einer unserer Radausflüge kommen wir am südlichen Ortseingang an einem ausgestellten Schiffspropeller vorbei. Erst später erfahren wir, dass die Firma Mecklenburger Metallguss der Weltmarktführer für große Schiffspropeller ist. 2006 wurde der bis dahin größte jemals gegossene Schiffspropeller mit einem Gewicht von etwas mehr als 130 Tonnen und einem Durchmesser von 9,6 Metern ausgeliefert. Diesen Weltmarktführer hätte ich in einer Stadt am Meer, aber nicht an einem Binnengewässer erwartet.

Waren – ein Kurort?

Davon haben wir zunächst nichts mitbekommen. Das Flair und die Atmosphäre ist eher „Urlaubsort“. Doch seit den 20iger Jahren des 19. Jahrhunderts ist Waren ein Luftkurort. Nach der Wende wurde dieser Titel der Stadt 1999 erneut verliehen.

Inzwischen gibt es ein Kurzentrum auf dem Warener Nesselberg. Die Nutzung der Warener Thermalsole, führte 2012 dann zur Verleihung des Titels „staatlich anerkanntes Heilbad“

Vielleicht liegt das daran, dass das Kurzentrum etwas abgegrenzt vom Stadtzentrum liegt. Viele Kur- und Heilbäder sind oft auf diese Zielgruppe der Kurenden, der Rehabilitationsgäste usw. komplett ausgerichtet was sich dann auch in der Struktur der Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe niederschlägt. Dies trifft auf Waren auf jeden Fall nicht zu. Auch die Namenserweiterung „Bad“ hat die Stadt wohl noch nicht beantragt und wäre aus meinem Erleben auch nicht passend.

Ein Stadtbummel

In Waren geht es deutlich touristischer zu, als in den bisher besuchten Orten. Vor allem Shopping wird stark gefördert. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus ist gerade Wochenmarkt .
Zu unserer Überraschung finden sich dort auch Bekleidungshändler. Das hatten wir zuletzt in ländlichen Regionen Italiens gesehen. In Süddeutschland kennen wir so etwas auf Wochenmärkten schon lange nicht mehr. Es ist ein Kontrastprogramm zum Tourismus-Shopping, das vor allem von Marken, Marken und nochmals Marken geprägt ist. Das es diese Händler auf dem Wochenmarkt noch gibt, sagt etwas über das Verhältnis der Einheimischen zum Tourismus-Shopping aus. Würden sie es uneingeschränkt befürworten, dann wären die Bekleidungshändler auf dem Wochenmarkt schon längst verschwunden. Aber das sind sie nicht! Und das ist gut so.
Und: es sagt etwas über das Preisniveau und das zugehörige Einkommensniveau aus – es klafft auseinander. Während im Tourismus-Shopping Großstadtpreise verlangt werden, passt das Einkommensniveau offensichtlich nicht zu diesem Preisniveau. Die auf die zahlungskräftigen Touristen ausgerichteten Shoppingmeilen sind für die Ortsansässigen tendenziell zu teuer. Und so sind die fliegenden Bekleidungshändler auf diese Zielgruppe ausgerichtet mit einem Preisangebot das zur Einkommenssituation passt. So mancher Tourist mag solche Märkte romantisch finden, dahinter steckt aber letztlich ein System der Ausbeutung, das man in allen angesagten Tourismushochburgen beobachten kann. Die Einheimischen können sich das Preisniveau ihrer eigenen Regionalwirtschaft nicht mehr leisten. Das ist nicht nur in Waren an der Müritz so, sondern auch auf dem Wochenmarkt in einem touristisch vermarkteten toskanischen Bergdorf, in Almeria, Sevilia oder an der Côte d’Azur.

Einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt Waren’s Shoppingmeile in historischer Kulisse bei uns nicht.

Trompe-l’œil-Gemälde

Doch da ist noch was. Wie schon in Neustrelitz, entdecken wir zwei weitere Illusionsmalereien an Gebäudefassaden, die in der Kunst als Trompe-l’œil-Gemälde bezeichnet werden. Nur hier eben nicht auf Bildern sondern auf Fassaden, wobei die real existierende Umgebung der Fassade mit in die Wirkung des Kunstwerks einbezogen wird. Witzige Ideen für sonst vielleicht langweilige oder gar unansehnliche Gebäudefassaden. Sind diese Illusionsmalereien ein Merkmal für McPom?.

Wo Wasser ist, gibt’s Fischrestaurants

Wo Seen sind, da sind auch Fischer. Und wo es fangfrischen Fisch gibt, da gibt’s auch Fischrestaurants. Das ist in Waren auch nicht anders als anderswo. Nach etwas Suchen haben wir in einer Seitengasse der Altstadt ein nettes Fischrestaurants gefunden. Und wir lassen uns zwei Fischfilets servieren. Ich lerne dabei, dass die kleine Maräne im Süddeutschen Raum als Renke, beziehungsweise am größten Binnensee Deutschlands, als Bodenseefellchen bezeichnet wird. Egal welchen Namen man dem Fisch gibt, beide Fischfilets waren vorzüglich. Der Pfälzer Spätburgunder (natürlich trocken), den ich mir dazu ausgesucht hatte, war gut und passend. Ein Spätburgunder Weißherbst der Machart, wie wir sie in den Kellereien im Badischen vor wenigen Wochen verkostet haben, wäre aber die bessere Wahl gewesen. Leider gab die Karte des Restaurants diese Auswahlmöglichkeit nicht her.
Wer in diese Region fährt, der darf ein Fischessen nicht auslassen. Wohnmobilisten mit Kochkünstlerambitionen können sich auch bei den Fischerhöfen frischen oder frisch geräucherten Fisch besorgen. Die meisten Fischerhöfe haben ein großes Schild an der Strasse. Einfach reingehen, fragen was der See heute ins Netz oder in die Reusen gespült hat und auswählen.
Mein Favorit ist frisch geräucherter Aal.

Den Abend lassen wir auf einer Parkbank direkt am Wasser ausklingen und wir schauen den Vögeln bei ihrem Spiel zu, während die Sonne langsam am Horizont verschwindet.

Waren jenseits von Event- und Shopping-Tourismus

Eigentlich wollten wir weiter fahren. Eine Reifenpanne verhindert dies jedoch. Wir haben uns an der Entsorgungsstation ein dickes Loch in den rechten Vorderreifen gefahren. Die Verriegelung für die Grauwasserentsorgung war nicht vorschriftsmäßig umgelegt und schlitzt unseren Reifen auf.
„Dumm gelaufen“.

Anstatt unser nächstes Ziel anzusteuern, organisieren wir uns erst einmal einen neuen Reifen. Natürlich hat der ortsansässige Reifenhändler keinen Passenden vorrätig. Wir sind ja auch nicht mit einem Polo, Golf oder Astra unterwegs. Das beschert uns einen weiteren Tag in Waren.

Nachdem alles organisiert ist, satteln wir unsere Drahtesel und starten zu einer Tour durch den Müritz-Nationalpark.

So sieht Natur aus, wenn man sie sich selbst überlässt.


Mit welcher Selbstherrlichkeit sind wir Menschen doch unterwegs und glauben immer zu wissen, was das Beste für das größere Ganze ist. Hier können wir sehen: die Natur kann gut für sich alleine sorgen.
Das können wir hier nicht nur sehen sondern auch erleben. Einige betrachten die Fahrt durch den Nationalpark als sportliche Herausforderung. Die werden etwas verpassen. Es ist eine von den Touren, bei denen Langsamkeit erst den Zugang zum Erlebnis ermöglicht.
Hilfreich um das Auge (und die Ohren) auf das Erlebnis vorzubereiten ist, eine Führung von einem Ranger der Nationalparkinformationszentren, von denen es am Rande des Nationalparks wohl mehre an den Zugängen gibt. Sie weisen dem Stadtmensch darauf hin, auf was er achten muss, damit man die interessanten Dinge überhaupt sieht, ob das nun Milane oder Seeadler sind, seltene Pflanzen oder unbekannte Geräusche… . Zeit nehmen und Wahrnehmen ist hier die Devise.

Wir haben vor, bis Rechlin zu fahren, doch einsetzender Regen zwingt uns einen Bootsanleger am Bolter Kanal anzusteuern und von dort aus mit dem Schiff die Rückfahrt anzutreten. Bei Regen sieht das Land von der Seeseite trist, nicht wirklich einladend aus.

In Waren angekommen suchen wir uns nur noch etwas zu essen und wollen früh ins Bett. Daraus wird aber nichts. Erstens, weil in der benachbarten Hafengastronomie Live-Musik angesagt ist und wir mit zwei anderen Wohnmobilisten in der Abenddämmerung, (die Regenschauer haben sich längst wieder verzogen,) dem Ballermann-Krawall gehorchend, bis spät in die Nacht „versumpfen“, denn an schlafen ist bei dem Krach nicht zu denken.

Am nächsten Morgen ist alles fahrbereit, nur der neue Reifen fehlt noch. Die Jungs vom Reifenservice haben sich etwas verspätet, aber sie legen sich ins Zeug (vielen Dank dafür) und wir können fast wie geplant um kurz nach 11 Uhr den Platz in Richtung Rechlin verlassen.

Waren an der Müritz: Ein Fazit

Der Text zuvor macht es wohl schon deutlich: besonders begeistert sind wir nicht. Waren ist letztlich eine noch nicht richtig entwickelte und daher schlechte Kopie fragwürdiger Tourismuskonzepte, wie wir sie in Rottach-Egern, St. Moriz, Monaco oder Venedig vorfinden. Die Voraussetzungen für eine Kulisse einer „Schein-Welt“ ist mit viel Geld und Subventionen entwickelt und geschaffen. Aber die Menschen, die das betreiben sollen, passen dort nicht hin. Die können das nicht! Das sind keine Hollywood-Marionetten und das macht mir die Menschen schon wieder sympatisch – weil sie sich nicht einen Habitus antrainieren der nicht zu ihnen passt und den sie auch nicht leben wollen. Ich bzw. wir bedauern sie, denn sie müssen in ihrer Heimat etwas leben was sie nicht sind. Klar, der eine oder andere verdient damit richtig Geld, aber Authentizität und Lebensfreude können sich die Menschen mit dem Geld nicht kaufen und die, die nicht die große Kohle machen, schon gar nicht. So bleibt ihnen nur ein Spiel mitzuspielen, das zu ihnen nicht passt – oder weggehen.

Aber einen Lichtblick gibt es doch. Der Müritz-Nationalpark könnte ein Ansatzpunkt zu einem Umsteuern im Bereich des Tourismus sein. Um weg zukommen von einem schlecht kopierten Tourismuskonzept aus dem Westen zu einem wirklichen Alleinstellungsmerkmal, das sich aus den Begriffen Natur, Heimat, Authentizität und traditionelle Lebensweise der Menschen speist.

Aber vorerst gilt: Es gibt auch andere Eingänge in den Nationalpark – also Waren an der Müritz muss es nicht unbedingt sein.

Neustrelitz – Eine spätbarocke Stadtanlage

Auf dem Weg zum Wohnmobilstellplatz durchfahren wir die Stadt und uns fällt, wie schon in Fürstenberg, die Pflasterung mit „Flusssteinen“ auf. Wenigstens die Fahrwege wurden davon verschont. Für Fußgängerinnen ist das aber ein absoluter High-Heel-Killer.

Flusssteinpflaster

Auch unser Wohnmobil mag das gar nicht. Der gerade erst reparierte rechte Seitenspiegel lässt uns das deutlich wissen: er quietscht wieder, wie vor der Reparatur. 😉 Das (mit den Flusssteinen) mag vielleicht dem historischen Vorbild sehr nahe kommen oder entsprechen – wie wir finden, passt dies aber nicht mehr in die heutige Zeit, Denkmalschutz hin oder her. Wir fahren ja heute auch nicht mit einem Ochsengespann auf den Markt-Platz am Freiburger Münster, bloß weil es dem historischen Bild näher kommt als die heute üblichen Transportfahrzeuge wie Fiat Ducato, Mercedes-Sprinter und Co.
Hier wurde unsinniger Weise viel Aufbau-Ost-Geld, im wahrsten Sinne des Wortes, im Boden versenkt. Das hätte sinnvoller angelegt werden können.

Wenigstens hat man hier in Neustrelitz auf den Fahrbahnen auf die Flusssteine verzichtet.

Der Stadthafen ist ein Schmuckstück geworden

Der Stadthafen am Zierker See ist das Tor zur Havelwasserstraße und in die Seenplatte. Hier liegt auch der Wohnmobilstellplatz, der, wie die Bootsliegeplätze, vom Hafenmeister betreut werden. Eingerahmt ist der alte Stadthafen von alten Speicherhäusern. Es ist das erste Mal, dass mir bewusst auffällt, das eine alte Industriebrache, die es in der ehemaligen DDR noch zuhauf gibt, liebevoll restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt wurde. (Zugegeben, es sind keine Industriebauten aus der DDR-Zeit sondern aus der Gründerzeit der Stadt und damit eher ein kulturhistorisches Erbe.) Aus den Speicherhäusern wurde ein Hotel und Wohnungen, die von Einheimischen und nicht von Geld-Wessis bewohnt werden. Der Stadthafen dient heute als Anlegestelle für Hausboot -Touristen, von denen wiederum die umliegenden Hafenrestaurants und Cafés profitieren.

Ausflug in die nähere Umgebung

Wir machen eine Fahrradtour am See entlang. Hier finden wir alsbald Industriebrachen jüngeren Datums, um die sich offensichtlich keiner kümmert. Eine Hinterlassenschaft der Wende, die wir immer wieder im Osten gesehen haben. In Gesprächen mit Ortskundigen, die wir darauf ansprechen, wird uns erklärt, dass so manches Grundstück immer noch brach liegt, weil Eigentumsverhältnisse nicht geklärt sind.  Und das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung? Ich mag das fast nicht glauben – aber es scheint, vielleicht nicht bei allen (Industrie-)Brachen, so zu sein. Sicher gibt es auch noch andere Gründe, wie der rabiate „Kahlschlag-Umbau“ von Kanzler Kohl der zu blühenden Landschaften führen sollte. Ja, es gibt diese „blühenden Landschaften“ wenn man bei der Reise durch die Blühenden Landschaften immer im rechten Moment ein Nickerchen macht! – Dann, wenn man an den abgewickelten Betrieben vorbei fährt.

Unterwegs begegnen uns aber auch ehemals herrschaftliche Villen, die von früherem Reichtum künden.

Eine Illusion lässt uns inne halten

Und dann bleiben wir vor einem Hotel verdutzt stehen und trauen unseren Augen nicht. Mitten in der eher trist wirkenden Umgebung eine Hofeinfahrt zu einem idyllisch wirkenden mittelalterlichen Hotelanlage…
… oder doch nicht – ist das alles nur eine Illusion?

Wir müssen schon drei mal hinschauen, bevor wir Illusion und Wirklichkeit von einander unterscheiden können.
Auf jeden Fall haben die Macher des Fachwerk-Graffiti ihr Ziel erreicht: Sie haben die Aufmerksamkeit der Vorbeikommenden auf ihr Werk und damit auf das Hotel gezogen, wo sonst der Blick einfach vorbei gerauscht wäre.

Zurück in die Zukunft des Spätbarock

Auf dem Rückweg fahren wir durch die Stadt und verbotener Weise durch den Schlossgarten. Die frühere Residenzstadt der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz wurde im Spätbarock gegründet. Dem entsprechend herrscht in der weitgehend erhaltenen historischen Bausubstanz die Architektur und Gartenkunst des 18. und 19. Jahrhunderts vor. Sehenswert sind die Schlosskirche und die Orangerie, ein schöner klassizistischer Gartensalon, der heute als Restaurant genutzt wird.

Einen Tag Seele baumeln lassen

Wir sind ja nicht auf der Flucht – also dürfen wir auch mal einen Tag nichts tun, so meint es zumindest WoMoline. Die Gelegenheit ist günstig, denn einen solchen mustergültigen WoMoStellplatz findet man nicht jeden Tag. Sogar mit „begrüntem Vorgarten“. Hier hat man tatsächlich ca. 3 m breite Parkbuchten für die Wohnmobile geschaffen an denen, durch Bordsteine getrennt, Rasenflächen mit etwa doppelter Markisenbreite angrenzen. Und diese werden auch regelmäßig gemäht. Herzlichen Dank an die Verantwortlichen der Stadt.

Zu einem Relaxingtag gehört natürlich auch etwas Gutes zum Essen. Und das hat WoMoline aus den Resten im Kühschrank gezaubert:
frisches Pfifferlings-Zucchini-Ragout mit selbst gemachten Semmelknödeln.

Eine Begebenheit zum Schmunzeln

Auf dem Wohnmobilstellplatz, der gut besucht ist, steht ein älteres Wohnmobil mit etwas derben Bewohnern und einem nervig, dauerkläffenden Hund. Dieser Hund verbellt alles was vorbei kommt – ob Nachbarn, andere Hunde, Enten, einfach alles. Die Besitzer werden dem Gekläff einfach nicht Herr und machen aus der Not eine Tugend. Sie feuern das Gekläff auch noch an, was wiederum zu umliegendem Kopfschütteln führt. Einige stellen sich sogar in Sichtweite der Hundebesitzer auf und drücken mit verschränkten Armen und starrem Blick ihr Missfallen aus. Das führt aber zu keinerlei Reaktion. Angesprochen hat die Hundebesitzer aber auch niemand. Manchmal muss man solche Zeitgenossen ertragen, oder den Standort wechseln. Das haben wir auch am nächsten Tag getan.

Beschaulichkeit im Norden Brandenburgs

Werder an der Havel ist nicht weit weg von Schloss Sanssouci. Als wir das letzte Mal in Berlin waren, haben wir auf der Rückfahrt Potsdam und dieses Schloss besucht, aber die Zeit, die uns zur Verfügung stand, war viel zu kurz. So überlegen wir, ob das eine Gelegenheit wäre dies nachzuholen. Nach kurzer Überlegung befinden wir aber einstimmig: Uns steht jetzt der Sinn nicht nach Preußen und geschichtspolitischen Geistesergüssen.

Also fahren wir weiter nach Fürstenberg. Wiesen und Felder säumen unseren Weg. Und – immer wieder Alleen. Die Alleen scheinen ein Kennzeichen der Verbindungswege in dieser Region zu sein. Sie spenden Schatten, sorgen für einen Windschutz und geben in diesem flachen Land Orientierung.

Fürstenberg/Havel ist eine Stadt an der Oberhavel und liegt im Norden Brandenburgs. Wegen der Vielzahl an Seen, Flüssen und Bächen, die die Stadt prägen, führt Fürstenberg auch die Zusatzbezeichnung Wasserstadt. Es gibt gleich drei Stadtseen, die alle irgendwie mit einander verbunden sind. Fürstenberg ist landschaftlich idyllisch gelegen wie wir bei der Anfahrt feststellen können. Der Ort selbst wirkt eher beschaulich und schön renoviert. Sonst scheint es nicht allzu viel zu sehen zu geben. Der Bär tobt woanders. Den Schildern nach zu urteilen, ist dieses Gebiet ein gut erschlossenes Radwandergebiet. Ebenso dürfte Flusswandern mit Kanu oder Kajak, wie wir beobachten können, hier im Trend liegen. Abseits der großen Touristenströme kann man sicher gut seine Seele baumeln lassen. Wie das allerdings ist, wenn am Wochenende die Berliner „einfallen“, Berlin liegt schließlich nur einen Katzensprung entfernt, weiß ich nicht. Nichts lässt darauf schließen, dass es hier zugeht wie im Falle Münchens am Starnberger See, oder am Tegernsee.

Wir fahren nach einem Stück Kuchen und einem Cappuccino weiter nach Neustrelitz, denn wir sind ja noch nicht in McPom, sondern am nördlichen Ende Brandenburgs.

McPom’s Seenplatte mit Abstecher zur Ostsee

Wie wir auf die Idee gekommen sind einmal eine Tour zur und durch die Mecklenburgische Seenplatte zu machen, das weiß ich nicht mehr. Der einzige Bezugspunkt den wir haben, sind Bekannte, die dort seit einiger Zeit ein größeres Schiffchen liegen haben und daher sehr viel ihrer Freizeit dort verbringen. Um ganz ehrlich zu sein, über diese Region Deutschlands wissen wir überhaupt nichts.
Neben einem Besuch bei unseren Bekannten ist das Grund genug, uns diese Gegend einmal genauer anzuschauen.

Ursprünglich war geplant, dass wir in einem Zug bis ins Zielgebiet fahren. Ein größerer Stau zwingt uns jedoch in der Nähe von Potsdam, genauer gesagt in Werder an der Havel, einen Zwischenstopp einzulegen.

Quelle: Google Maps – durch Doppelklick öffnet sich Google Maps in einem weiteren Fenster

In die Region hineinschnuppern

Über die Stationen Fürstenberg, Neustrelitz und Neubrandenburg erreichen wir schließlich das Zentrum der mecklenburgischen Seenplatte in Waren an der Müritz. Hier müssen wir uns wegen einem Reifenschaden etwas länger als üblich bei unseren Stopps, aufhalten.

Urlaubsgefühle am Wasser

In Rechlin treffen wir in der Marina unsere Bekannten und dürfen die Mecklenburgische Seenplatte auch ein wenig von der Seeseite aus kennenlernen. Und wir dürfen die Unterschiede des Reisens mit dem Wohnmobil und auf einer Yacht hautnah erleben. Um es vorwegzunehmen, mit einem 17 Tonnen Boot ist man noch deutlich langsamer als mit einem Wohnmobil unterwegs. Auch die Vor- und Nachbereitung einer Fahrt ist bei einem Schiff sehr viel größer und erfordert wesentlich mehr Umsicht. Nicht nur das An- und Ablegen und die Einhaltung von Vorschriften ist aufwendiger als mit dem Wohnmobil, auch die Fahrt selbst erfordert mehr Aufmerksamkeit im Verhältnis zur Geschwindigkeit.

Wir führen unsere Entdeckertour fort

Über Lenz in der Nähe von Malchow führt uns unser Weg nach Plau am See, dann nach Güstrow, nach Teterow und schließlich nach Malchin. Ganz in der Nähe am Kummerower See legen wir ein paar Müßiggangtage ein.

Wir machen eine kleine Sightseeing-Tour die uns über Basedow nach Mirow und schließlich nach Wesenberg führt.

Zurück ins Zentrum des Müritzgebiets

Nun haben wir noch zwei fixe Termine einzuhalten. Zum einen sind wir zum Fischessen mit unseren Freunden in Malchin verabredet. Zum anderen müssen wir noch einen geeigneten Campingplatz finden, denn eine weitere Bekannte möchte uns mit ihrem Freund auf dem Weg zur Ostsee besuchen.

Da wir nicht Campingplatz erfahren sind, haben wir zwei Plätze, die infrage kommen, angeschaut. Der Erste war für uns grauenvoll. Geschätzt 1000 Platzwarte und ebenso viele Dauercamper. Wir werden gleich mit einem übergroßen Hinweis auf die Platzregeln empfangen. Mittagsruhe von 12 Uhr bis 3 Uhr, Hunde an der Leine führen, keine Musikabspielgeräte benutzen, Grillen nur an ausgewiesenen Stellen und blablabla.

Der Empfang ist nicht besetzt und wir sollen drei Stunden warten, um Auskunft zu erhalten. Der barsche Hinweis von einem Gast, dass wir unser Wohnmobil falsch geparkt haben, bestärkt uns in der Ansicht, dass das kein Platz für uns ist.

Der zweite Platz in Alt Schwerin sagte uns zu und so buchten wir auch gleich für uns vier einen Platz. Von dort aus fahren wir zurück zum Yachtclub nach Malchin – unser Ausgangspunkt für unser vereinbartes Fischessen. Frisch gefangener Fisch direkt auf den Tisch oder ins Fischbrötchen das gibt es hier oft und ist kulinarisch gesehen ein Muss.

Von Malchin geht es wieder nach Alt Schwerin. Nachdem wir die ganze Zeit bestes Wetter hatten, werden wir auf dem Campingplatz mit Starkregen im wahrsten Sinne des Wortes zugeschüttet. Unseren Bekannten, die mit einem kleinen Zweimannzelt, wie man es bei einer Fern- oder Radwanderung benutzt, unterwegs sind, geben wir Asyl unter unserer Markise. Ohne diese wären sie, im wahrsten Sinne des Wortes, abgesoffen.

Einen Abstecher an die Ostsee

Nach dem großen Regen und der aufregenden Nacht beschließen wir, unsere Reise gemeinsam fortzusetzen. So fahren wir weiter an die Ostsee und schlagen unser Lager am Salzhaff auf. Neben Seeluft schnuppern, Strandwandern und relaxen erkunden wir von dort aus Wismar und Rostock. Für die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, hat es dann leider nicht mehr gereicht. Unser Rückfahrtermin rückt schneller heran als uns lieb ist. Auf der Rückfahrt machen wir noch einen Cappuccino Stopp in Neuruppin um dann wieder in unsere Heimat, nach Franken, zurückzukehren.

Eine kleine Reise ins Mittelalter – Wallenstein-Festspiele in Altdorf

Alle drei Jahre finden sie statt – die Wallensteinfestspiele in Altdorf bei Nürnberg. 2018 ist es wieder so weit; Jedes Wochenende vom 22. Juni bis zum 22. Juli verwandelt sich der historische Stadtkern unweit der Frankenmetropole Nürnberg in eine mittelalterliche Stadt.

Schwertkampf auf dem Marktplatz -  Geht es um eine Frau oder um die Kriegsbeute?
Schwertkampf auf dem Marktplatz –
Geht es um eine Frau oder um die Kriegsbeute? (2015)

Ungefähr 1000 Darsteller werfen sich an jedem Wochenende in historische Gewänder. Grimmige Landsknechte empfangen die Besucher schon an den Toren der Stadt. Den Marktplatz bevölkern wilde Horden – Musketiere schäkern derb mit Marktfrauen. Studenten „studieren die Wirtschaft“ mit dem Bierbecher und treiben ihren Schabernack. Landsknechte liegen im Lotterbett. Die Holksche Horde haut und sticht mit dem Rapier. Im Zigeunerlager spielt die Musik. Kosaken und Kroaten ziehen marodierend durch die Stadt, im Feldlazarett wird kunstvoll operiert und man kann so manchem altertümlichen Handwerk bei der Arbeit zu sehen. Beim Lagerleben im historischen Stadtkern und vor den Toren gibt es viel zu entdecken und zu beobachten. An jeder Ecke tut sich was. Ein Lagerleben wie im 30jährigen Krieg.

Wallenstein reitet durch Altdorf
Wallenstein reitet durch Altdorf (2015)

Kern der Festspiele sind die Theateraufführungen im malerischen Hof der alten Universität Altdorf: Schillers „Wallenstein“ und das Volksstück „Wallenstein in Altdorf“.

Ganz neben bei: Die ehemalige Universität von Altdorf, an der Wallenstein ein Jahr lang studierte, ist der Urvater der heutigen Universität Nürnberg-Erlangen.

Das besondere an diesen Festspielen ist, dass sich Schauspiel, Rahmenprogramm auf dem Marktplatz und die Zuschauer und Gäste vermischen. Man erhält den Eindruck nicht nur Beobachter eines Theaterstücks oder einer mittelalterlichen Szenerie zu sein; nein, man ist einfach mitten drin. Die Grenzen zwischen Darsteller und Zuschauer verschwimmen in der Stadt.

An jedem Wochenende verändert sich das Programm ein wenig. Daher immer erst auf die Internetseite der Wallensteinfestspiele schauen – oder einfach überraschen lassen.

P.s.: Die Stadt Altdorf bietet den Wohnmobilisten einen kostenfreien WoMo-Stellplatz mit Strom und V/E gegen Gebühr unweit der historischen Altstadt in einem kleinen Gewerbegebiet.

Dolce Vita und Feste feiern in Bracciano

Braccianosee 1Bracciano liegt ungefähr 40 km nordwestlich von Rom an einem See, der nach dieser Stadt benannt ist. Die Stadt liegt auf dem Kraterrand eines alten Vulkans. Unser Übernachtungsplatz liegt etwa auf halber Höhe zwischen den Stadtzentrum und dem See. Im Gegensatz zu Bolsena sind hier in Bracciano die Kraterhänge wesentlich steiler und auch höher. Wer hier herumspazieren möchte, sollte vernünftiges Schuhwerk dabei haben. Den Weg vom See in die Stadt oder umgekehrt mit Flip Flops zu bewältigen, gleicht dem Versuch, den Watzmann mit Stöckelschuhen zu bezwingen. Auch Radfahren ohne maximalelektrische Unterstützung kann man getrost vergessen. Aufgrund der hier herrschenden schlechten Straßenverhältnisse, macht Radfahren am Braccianosee ohnehin keinen Spaß. Aber das alles stört uns erst einmal nicht, denn wir wollen relaxen und wenn es uns gar zu heiß wird, auch mal am Kiesstrand in dem kristallklaren Wasser baden gehen.

Alles ist hier beschaulich. Von der Hektik der Großstadt ist hier nichts mehr zu spüren. Bracciano 1 WoMoKatzeAls wir vom See zurück kommen, ist uns eine Wohnmobil-Katze zugelaufen und beansprucht einen unserer Campingstühle. Die Kleine wird uns so lange wie hier sind auch nicht mehr aus den Augen lassen. Die scheue Mutterkatze ist aber immer in der Nähe und macht uns durch ihr misstrauisches Beobachten klar, dass sie uns die Augen auskratzt, wenn wir ihrem Nachwuchs etwas zuleide tun. Um keinen Konflikt mit der Mutterkatze zu riskieren 😉, wird das kleine Wollknäuel von uns während unseres Aufenthalts gut versorgt und darf in unseren Campingstühlen schlafen.

Das öffentliche Leben ist fast eine Kopie zu Bolsena. Das können wir bei unseren morgendlichen Cappuccinopausen in der Stadt feststellen. Wie in Bolsena beobachten wir ein äußerst aktives Gemeindeleben auf den öffentlichen Plätzen und Straßen.

 

 

Man kennt sich, man pflegt die Beziehungen wann immer sich eine Möglichkeit dazu bietet. Ob im Kaffee, auf dem Wochenmarkt, im Alimentari oder einfach im Vorbeigehen auch hier in Bracciano ist den Menschen das wichtig.

Bracciano 2 RenovierungsstauIn der Stadt selbst lässt sich ein noch recht großer Renovierungsrückstau beobachten. Auch ist das historische Gesamtensemble nicht mehr so lückenlos wie in Bolsena vorhanden. Bausünden aus der Nachkriegszeit stören deutlich das Gesamtbild. Die alles überragende Burg von Bracciano macht hier eine Ausnahme. Sie ist frisch renoviert und zu einem Museum ausgebaut. Bracciano 3 BurganlageAn vielen Stellen in der Stadt kann man erkennen, das nach und nach die alte Bausubstanz wieder in einem sanierten Zustand gebracht wird. Das wird aber noch viele Jahre in Anspruch nehmen.

Am Wochenende ist Straßenfest mit Kunsthandwerkermarkt, Feuerschlucker und Darbietungen unterschiedlichster Vereine der Stadt wie z.B. den Cheerleders, die von einem Platz zum nächsten ziehen und Einwohner wie Gäste mit ihrem Können beeindrucken. An nahezu jeder Straßenkreuzung  hat sich  eine Musikgruppe platziert. Nachdem sich alle Musiker eingespielt haben, wird es je nach Standort der Zuhörer streckenweise sehr laut und ziemlich schräg. Auch die Gaumenfreuden kommen bei diesem Stadtfest nicht zu kurz.

Bracciano 4 AperetivoWir genehmigen uns erstmal einen gepflegten Aperitivo und schauen von unserem exponierten Sitzplatz dem Treiben in der Stadt zu. Gerne hätten wir noch ein oder zwei Gläschen mehr zu uns genommen, doch wir müssen an den Rückweg und den steilen Weg hinunter zu unserem Wohnmobil denken, den wir auf jeden Fall unfallfrei in der Dunkelheit bewältigen wollen.

Zu diesen Stadtfesten in den Sommermonaten, so sagt man uns, gehört in Italien normalerweise immer ein Feuerwerk dazu. Die Zeit bis zum Beginn lassen wir uns von diesen Jazz Old Stars vertreiben.

 

 

Wie die italienische Finanzpolizei unsere Reisepläne durchkreuzt

Wir haben nördlich von Roms Flughafen bis hinauf nach Santa Marinella eine ganze Reihe von Wohnmobilstellplätzen direkt am Meer ausfindig gemacht. Doch welchen wir auch immer ansteuern, alle Einfahrttore sind geschlossen, niemand da. Ja, die Feriensaison ist vorbei. Wir können uns aber nicht vorstellen, das jetzt schon um Rom herum, total tote Hose ist. Gut, es ist 12 Uhr vorbei und es könnte ja Siesta sein. Doch dort wo Badebetrieb herrscht, haben wir so etwas noch nicht erlebt.

Dann füllen wir eben erstmal im nächsten Conad Superstore in Ladispoli unsere Vorräte und unseren Kühlschrank wieder auf und hoffen darauf dass wir etwas später mehr Glück haben.

Wir Rumpeln wieder die Küstenstraße entlang, die mehr aus Schlaglöchern besteht als aus Fahrbahnbelag. Hier sollen sich gleich vier Wohnmobilstellplätze in Meeresnähe befinden. Hurra, gleich beim ersten ist das Tor geöffnet. Wir fahren hinein doch alles sieht leer aus. An den Dünen steht ein größeres Holzhaus und daneben liegen viele Sportboote auf dem Sand. Sonst ist nichts zu sehen, alles ist ruhig. Komisch!

Wir fahren weiter in das Areal hinein. Auf einmal kommt uns ein korpulenter Herr mittleren Alters entgegen, der uns wie ein Flugfeldlotse auf einem Flughafen mit sich überkreuzenden Armbewegungen signalisiert, dass wir anhalten sollen. Wir haben verstanden, drehen um und verlassen das Gelände wieder. Die Szenerie wiederholt sich fast identisch auch am nächsten Platz. Der übernächste Platz ist verrammelt wie schon zur Mittagszeit. Wir rumpeln weiter über die reparaturbedürftigen Küstenstraßen zum nächsten Platz. guardia_di_finanzaAuch hier wieder geöffnet, aber niemand da. An den vorangegangenen Plätzen war uns ein kleiner weißer Zettel an den Informationsschildern an den Zufahrtstoren aufgefallen, den wir aber bisher keine Beachtung geschenkt haben. WoMoline steigt aus um Informationen über das, was hier vorgeht, zu erhalten. Den Text versteht sie nicht, aber die Unterschrift ist eindeutig: Guardia di Finanza

Die italienische Finanzpolizei, Guardia di Finanza, ist zuständig für das Thema Steuerhinterziehung in Italien. Schon seit vielen Jahren versucht die italienische Finanzpolizei durch Zuordnung von Luxusgütern, wie z.B. sündhaft teuren Sportwagen, Sportbooten und Freizeityachten, wertvollem Schmuck der z.b. bei Casinobesuchen oder Kulturveranstaltungen getragen wird, nachzuweisen, dass diese Güter mit dem bei den Finanzbehörden angegebenen Einkommen nicht hätten bezahlt werden können. guardia-di-finanza-autoAuf diese Weise versucht die Finanzpolizei Steuerhinterzieher dingfest zu machen. Dazu werden immer wieder an geeigneten Orten entsprechende Razzien durchgeführt. Davon war schon immer mal wieder in den Medien zu lesen. Ganz offensichtlich sind wir in eine solche flächendeckende Razzia geraten, bei der alle Strandbäder eines Küstenabschnitts, die auch Sportboote in Verwahrung haben, gleichzeitig von den Finanzbehörden „besucht“ werden.

Wir entscheiden uns keine weiteren Experimente zu machen. Wir fahren zum Braccianosee und hoffen auf eine ähnlich schöne Zeit, wie wir sie in Bolsena hatten.

Braccianosee 1

 

Die Sommerfrische der Päpste – Castel Gandolfo

Nach so viel Rom brauchen wir eine Auszeit. Gehirn Lüften ist angesagt. Wir sind abgefüllt mit Eindrücken, Kultur und Erlebnissen. Rom ist anstrengend und doch haben wir nur an der Oberfläche gekratzt.

Wir wollen noch einmal zum Meer und ein paar Tage nichts tun, bevor wir uns langsam wieder auf die Heimreise machen. Den südlichsten Punkt unserer dieser Italientour haben wir auf jeden Fall erreicht. Da unser Übernachtungsplatz vor den Toren Roms nur etwa 6 km von Castel Gandolfo entfernt liegt, beschließen wir noch einen kleinen Umweg über den Sommersitz der Päpste zu machen und dort unseren Cappuccino einzunehmen.

Auf der Fahrt dorthin sind wir entsetzt, wie viel Müll sich links und rechts der Straße angesammelt hat. Aber dazu werde ich noch gesondert etwas schreiben. Doch kaum erreichen wir die Ortsgrenze ist alles wieder picobello. Hier sind Touristen aus aller Welt unterwegs und siehe da: der Reinigungsdienst funktioniert wieder.

Castel Gandolfo 1 - Blick zum MeerCastel Gandolfo liegt auf einer Anhöhe mit fantastischem Rundblick aufs Meer, vorausgesetzt es herrscht klare Sicht. Auf der anderen Seite blickt man hinunter zum Lago Albano. Auf dem höchsten Punkt des Ortes steht der Palazzo Pontificio, der Sommersitz der Päpste – zumindest bis vor ein paar Jahren. Von hier aus hat man nicht nur den Blick zum Meer sondern gleichzeitig auch zum Lago Albano.

Der Weg hinauf zum höchsten Punkt ist gepflastert mit Läden, die das Interesse der Massentouristen wecken sollen, aber kaum geeignet sind, um die Bedürfnisse des täglichen Bedarfs der Einheimischen zu decken. Von Kunsthandwerk bis Trüffelsalami ist fast alles zu haben was noch den letzten Platz eines Touristenkoffers füllen kann. Dazwischen mischen sich Möchtegern-Kunstgalerien, Kunthandwerk-, Andenkenläden und natürlich Restaurants und Cafés. Es ist recht wenig los. Wir führen das drauf zurück, dass die großen Ferien in Italien bereits beendet sind. Doch das ist nicht der Grund, wie wir alsbald erfahren werden.

Auf dem kleinen Platz direkt vor dem Palazzo Pontificio lassen wir uns in einem Cafe nieder um unseren morgendlichen Cappuccino einzunehmen. Nur wenige Plätze sind besetzt. Wir kommen mit einem anderen Gast des Cafes ins Gespräch, der sehr gut deutsch spricht. Es stellt sich heraus, dass er und die anderen Gäste des Cafes Handelstreibende des Ortes sind. Die Nachbarhändler der Anwesenden bewachen solange ihre Läden solange sie im Café sind und würden sie holen, wenn sich doch ein Kunde in ihren Laden verirrt.

Wir erfahren, das aktuell der erimitierte Papst, „unser“ Kardinal Ratzinger, in Castel Gandolfo zugegen ist. Das sei an der Beflaggung am Palazzo Pontificio zu erkennen, erklärt man uns. Als Kardinal Ratzinger noch Papst war, da kamen die Touristen, genau so wie bei seinen Vorgängern, in Scharen. Doch heutzutage, mit dem neuen Papst ist der Touristenstrom deutlich abgeebbt. Papst Franziskus, der bekanntlich mit vielen vatikanischen Traditionen gebrochen hat, hat auch den traditionellen Rückzug des Papstes in den heißen Sommermonaten nach Castel Gandolfo nicht in sein Pontifikat mit übernommen und meidet Castel Gandolfo. So müssen die Handelstreibenden erkennen, dass ein erimitierter Papst,der sich nach seiner Abdankung zunächst nach Castel Gandolfo zurückgezogen hatte, kein Zugpferd für ihr Geschäft ist und die Traditionsbrüche des neuen Papstes für sie „geschäftsschädigend“ wirken. Unser Gesprächspartner witzelt, dass es durchaus sein könne, dass Franziskus nur deshalb nicht nach Castel Gandolfo kommt, weil er sonst auf den Ex-Papst Benedikt treffen würde. Mit dem für die Italiener typischen Humor, meint er, das Problem würde sich ja dann irgendwann mal durch „Gottes Abruf“ lösen. Sein verschmitztes Lachen verrät uns, dass er diese Aussage selbst nicht glaubt.

Knapp einen Monat nach unserem Besuch kündigt Papst Franziskus offiziell an, die Sommerresidenz künftig nicht mehr nutzen zu wollen und die Papst Wohnung wird zu einem Museum umgewandelt.

Um ganz ehrlich zu sein, Castel Gandolfo gibt nicht viel mehr her als einen „Cappuccino-Ausflug“ mit Ausblick zum Meer, und wenn man Glück hat, mit einem netten Plausch im Cafe. Alles andere hatten wir schon. Der Ort und die Pfarrkirche San Tommaso da Villanova sind ganz nett anzuschauen, aber wir sind uns einig: den Umweg hätten wir uns sparen können.