Vom Fluch und Segen des Schiefen Turm zu Pisa

pisa-3-turmWer kennt ihn nicht, den schiefen Turm?

Es gibt noch mehr schiefe Türme in Italien, wenn man genau hinsieht.
Richtig, der in Pisa dürfte eigentlich gar nicht mehr stehen, er müsste längst umgefallen sein. Und doch, er steht – allen Wissenschaftlern und Bausachverständigen zum Trotz – immer noch.

Als ein italienischer Minister, damals zuständig für die Förderung und Entwicklung des beginnenden modernen Urlaubstourismus, den schiefen Turm zum Logo seiner PR-Aktivitäten kürte, da war es um Pisa geschehen. Keiner konnte damals ahnen, dass diese Entscheidung aus dem schiefen Turm einen Mega-Hot-Spot des internationalen Tourismus machen würde. Heute steht der Schiefe Turm zu Pisa fast synonym für Italien, so wie der Eifelturm für Paris und die Tower Bridge für London steht. Das brachte und bringt natürlich einiges Geld in die Stadt und darüber freut man sich auch.

Man baute einen großen Parkplatz ganz in der Nähe zum Schiefen Turm, damit die Touristen bequem und schnell zu ihrem heiß ersehnten „Must See“ gelangen können. Zwischen Parkplatz und Schiefen Turm positionierten sich die inzwischen legendär gewordenen „fliegenden“ afrikanischen Souvenierhändler als „unüberwindliche Barriere“.

Am Rande des Platzes und in den Straßen zum Arno sind die Restaurants, Trattorias, die Sandwich- und Tabakverkäufer ansässig, die ihr Geschäft machen, während die Touristen auf ihre Einlassuhrzeit für den Turm oder den Duomo Santa Maria Assunta warten.

pisa-8-arnoufer-in-pisaBis auf die andere Seite des Arnos schaffen es nur noch ein Bruchteil der Touristen.

Das ist der Fluch des Schiefen Turms. Pisa wird bei der ganz überwiegenden Mehrheit der Touristen auf den Turm und vielleicht noch den Duomo und die Taufkirche (die im übrigen die größte Taufkirche der Welt ist), reduziert. Und so schnell die Touristen gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder weg. Dabei hat Pisa noch einiges mehr zu bieten. Aber dafür müssten die Touristen in ihrem (vorgegebenen) Zeitplan mehr Zeit haben.

Die Zeit hätten sie während der Wartezeit bis zum Einlass auch. Statt dessen beschäftigen sich viele Touristen damit, ein oder mehrere Fotos zu kreieren, bei dem die Liebste oder gar die ganze Reisegruppe das Umstürzen des Turms verhindern. 😈

pisa-7-2-menschenmassenDie Menschenmassen sind einfach überdimensional. Die Aura und die Energie des Platzes oder die im Duomo ist nicht mehr zu erfassen oder zu erfühlen. Während in vielen anderen Städten, die einstmals großzügige Raumaufteilung um diese gewaltigen Sakralbauten herum im Laufe der Jahrhunderte zugebaut wurde, blieb in Pisa diese Großzügigkeit erhalten. Wir haben das „Must See“ abgearbeitet ;-). Es war der verzweifelte Versuch diese Einmaligkeit eines großzügig angelegten mittelalterlichen Ensembles rational wie emotional und spirituell zu erfassen und in seiner ganzen Großartigkeit wahrzunehmen. Das Bild dieser Großzügigkeit ist in unseren Köpfen gespeichert. Ein Gefühl können wir aber, aufgrund der Menschenmassen, nicht damit verbinden. Wir haben es gesehen. Mehr war beim besten Willen nicht möglich und insgeheim haben wir auch nicht mehr erwartet aber touristisch naiv erhofft. – Und nun ist gut!

Den „Rest“ von Pisa haben wir mit dem Rad erkundet. In den verschlungenen Gassen kann man zum Teil nur erahnen wie mächtig diese Stadt einmal war. Eine sehr alte Stadt in der sich Baustile verschiedenster Epochen erhalten haben. Manchmal nebeneinander, manchmal sogar in ein und dem selben Gebäude. Immer wieder wurde angebaut, umgebaut oder erweitert.

Beim Betrachten der Fassaden kommt mir der Gedanke, dass hier nie großflächig umgestaltet wurde. Was noch zu gebrauchen war, wurde weiter genutzt. So haben sich über die Jahrhunderte unermessliche Kunstschätze in dieser Stadt angesammelt, die an und in Gebäuden und in diversen Museen bewundert werden können.

Einen kleinen „spirituellen“ Eindruck vom Duomo erhält man, wenn man zur „Mini-Ausführung“ der Kirche Santa Maria del Spina am Arnoufer fährt. Da hier kaum Touristen sind, bekommt man die Ruhe und die Zeit, um die filigranen Steinmetzarbeiten auf sich wirken zu lassen.

Das entschädigt zwar ein bisschen für den Rummel am Schiefen Turm und im Duomo, aber unser Fazit für Pisa fällt trotzdem enttäuschend aus. Pisa stellt alles was wir an UNESCO Welterbestätten gesehen haben negativ in den Schatten. Wenn das, was hier abgeht, der Preis für diesen UNESCO-Titel ist, dann sollten diese UNESCO-Auszeichnungen sofort wieder abgeschafft werden. Denn dann ist dieser Titel ein geschickt eingefädeltes Marketinginstrument zur Ausbeutung, Entweihung und Kommerzialisierung von Kulturgütern. Das ist nicht Aufgabe der UNO und dafür finanzieren wir auch die UNO nicht mit unseren Steuerbeiträgen!.

pisa-11-aquaeduktAuf der Rückfahrt zu unser Wohnmobil fahren wir ein gutes Stück an einer alten römischen Wasserleitung entlang. Wir sind irgendwie von der gesellschaftlichen Schaffenskraft der alten Römer fasziniert. Was für uns selbstverständlich ist, Frischwasser aus der Wasserleitung, das war zu dieser Zeit eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Hut ab! Hier bleiben wir staunend stehen. Auch wenn der Aquädukt heute nicht mehr in Betrieb ist, so erscheint doch vor unserem geistigen Auge ein Bild des Lebens vor mehr als 1000 Jahren. Solch ein „Eintauchen“ in die goldene Zeit der Römer war uns den ganzen  Tag über in Pisa nicht vergönnt. Diese Erfahrung ist für uns ein weiteres Indiz,  dass solche „Auszeichnungen“ wie UNESCO-Welterbestätte eher Fluch als Segen sind und ihr Nutzen dringend hinterfragt werden muss.

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Verona: „Cäsar meets Shakespeare“

Wenn ich an Verona denke, dann fällt mir spontan die Arena (das Veroneser Collosseum 😉), der Balkon von Romeo und Julia und die alljährlich stattfindenden Festspiele ein.
Verona ist aber weit mehr. Die 250.000 Einwohner zählende Stadt am Fuße der südlichen Alpen (nur noch 59 m über dem Meeresspiegel gelegen) kann auf eine fast 2500 jährige Geschichte zurückblicken und war ab 89 v. Chr. römische Kolonie. Das Stadtbild wird dominiert von der Römerzeit und der Zeit danach.

Verona1 - FestungsmauernDer Wohnmobilparkplatz liegt unweit der Festungsanlagen. Wir entscheiden uns, den Weg in die Innenstadt zu Fuß zu gehen. Die Stadtmauer ist umgeben von einer parkähnlichen Anlage durch die wir bis zu einem der Stadttore gemütlich hindurch schlendern. Diese Wehranlagen haben heute eher den Charakter einer Ruine. Die Befestigungsanlagen sind aber so renoviert, dass man einen guten Eindruck von der Mächtigkeit der früheren Verteidigungsanlagen bekommt. R
Wir erreichen das Stadttor. Hier lässt sich der frühere Reichtum von Verona schon an der Fassade erkennen. Wir orientieren uns Richtung Innenstadt und frönen erst einmal italienischer Lebensart bei einem Cappuccino und einem süßen Teilchen in einer am Wege liegenden Konditorei.

Was uns im Stadtbild auffällt ist, dass in Italien wesentlich mehr kleine Motorräder und Motorroller unterwegs sind als bei uns. An nahezu jeder Ecke findet sich ein Pulk abgestellter Motorroller. Verona3Das spiegelt sich auch in der typischen Geräuschkulisse einer italienischen Mittelstadt wieder. Der Lärm von vor allem älteren Motorrollern unterscheidet sich doch sehr deutlich von der Geräuschkulisse bei uns
zuhause.
Wir kommen zu dem großen Platz, auf dem die weltberühmte Arena steht. Ein zweistöckiger Bau a la Kolosseum beherrscht den optischen Eindruck dieses Platzes.
Die vielen Strassenrestaurants zu unserer Linken, die um die vorbeiziehenden Touristen werben, lassen die typischen Auswüchse des modernen Tourismus deutlich werden. Das hat nichts mehr mit dem mittelalterlichen Flair der Kulisse zu tun. Wir kümmern uns nicht weiter darum.
Verona4 - ArenaWenn man den Platz betritt, dann erscheint die Arena noch filigran, da sie die umliegenden Häuser kaum überragt. Je weiter man sich der Arena nähert, erkennt man die riesigen Dimensionen dieses altertümlichen Bauwerks. Verona6 - ArenaAuch ist der davorliegende Platz für eine mittelalterliche Stadt dieser Größe sehr gross bemessen.

Es ist klar, dass die verantwortlichen Tourismusmanager von Verona und findige Geschäftsleute versuchen, diese Besonderheit, den Mythos von Romeo und Julia, genau so wie die römische Geschichte entsprechend in Szene zu setzen. Und so verwundert es nicht, dass uns römische Soldaten und Gladiatoren dazu bewegen wollen, Karten für die Festspiele zu kaufen oder wenigstens die Arena, natürlich gegen einen entsprechenden Obulus, von innen zu bewundern. Verona5 - römische SoldatenWir gehen nicht auf das Angebot ein, da wir gesehen haben, dass die meisten Kulissen für die diesjährigen Festspiele noch außerhalb der Arena lagern und es von innen nicht wesentlich mehr zu sehen gibt wie von außen.
Die römischen Soldaten erinnern mich an die „Hundertschaften“ von Mozarts, die in Wien versuchen Konzert und Opernkarten unter die Touristen zu bringen. Trotzdem vermitteln sie, wenn auch ein klischeehaftes Bild, von Verona vor 2000 Jahren.
Wir ziehen weiter in die historische Innenstadt. Die Marken, Labels und Namen sind die Gleichen wie in anderen Städten in Westeuropa und wohl inzwischen auch darüberhinaus. Wir sind daran nicht interessiert und wir konzentrieren unser Augenmerk auf die Bausubstanz oberhalb das Erdgeschosses und auf die Seitenstraßen. Hier kommt das Flair Veronas rüber.
Balkon Romeo und JuliaGanz unverhofft stehen wir vor einer kleinen Tafel, die uns auf den berühmtesten Balkon aller Balkone hinweist. Den legendären Balkon aus Shakespeares Romeo und Julia. Erst später erfahren wir, dass dieses Gebäude schlicht und einfach gar nichts mit der literarischen Vorlage zu tun hat und auch der Balkon erst nachträglich angebracht wurde. Neudeutsch würde man sagen: ein Fake!
So generieren findige Tourismus-Manager touristische Pilgerströme 😆

Verona7 - GauklerIm Straßenbild fallen uns immer wieder „Gaukler“ und Künstler vor allem aus der Kategorie „lllusionisten“ und venezianischer Karneval auf. Es scheint so, als ob es aktuell ein Treffen dieser Künstler in der Fußgängerzone gibt. Kurz  vor der berühmten Piazza  treffen wir auf diese llusionisten. Mit offenem Mund umrunden wir die Beiden. Ungläubig schauen wir uns und die umstehenden Passanten an. Nein, das ist doch nicht möglich, doch die Dame scheint regungslos zu schweben. Auch nach einer weiteren Umrundung wird unsere ins Gesicht geschriebene Frage: „wie geht das?“ nicht beantwortet.

Wir wenden uns der Piazza delle Erbe zu. Der Platz ist gesäumt von Bauwerken verschiedener Jahrhunderte und diente in der mittelalterlichen Stadtrepublik als Versammlungsort und Marktplatz. Es ist gerade Markt. Wir lassen uns einfach treiben und genießen diesen Flair südländischer Märkte. Wir lassen uns Zeit und atmen die Aura dieses Platzes ein. Inmitten des Platzes eröffnet sich uns ein 360°-Panorama, das uns die wechselvolle Geschichte dieses Ortes erahnen lässt. Trotz des geschäftigen Treibens auf dem Marktplatz strahlt das Gebäudepanorama eine erhabene Ruhe aus. Aus dem trüben Norden kommend, ist das genau die richtige Atmosphäre bei milden Temperaturen und Sonnenschein unsere „hektischen Nordländerbewegungen“ an südländisches Dolce Vita anzupassen.

Zusehends verlangsamen wir unsere Erkundungsgeschwindigkeit und unsere Aufmerksamkeit für Details und für nicht sofort ins Auge springendes steigt in gleichem Maße.

Verona12Verona11 Fenster Verona13

Langsam kommen wir in Italien richtig an.