Durch die Arnoebene hinauf nach Volterra und wie man(n) mit einer Zapfsäule kommuniziert ;-)

arnoebene-2Wir verlassen Lucca in östlicher Richtung, also landeinwärts, und folgen ein kurzes Stück der Arno-Ebene. Danach durchqueren wir die Ebene um dann in die Hügellandschaft Richtung Volterra hinein zu fahren. Anfangs fahren wir durch ein nicht sehr attraktives Gebiet in dem sich einzelne Reihen mit Wein, ein paar Olivenbäume, mit etwas Landwirtschaft abwechseln. Dazwischen immer wieder kleine Dörfer die beim Durchfahren auf uns nicht wirklich attraktiv wirken. Wir könnten auch irgendwo im Oberrheintal sein. arnoebeneAlles ist eben nur etwas heißer, verbrannter. Nur ein paar vereinzelte in der Landschaft stehende Pinien und Wacholderbäume lassen einen südlicheren Flair als in der Oberrheinebene aufkommen.

Wir müssen tanken.  Die erfahrenen Italienreisenden wissen, die bei uns praktisch ausgestorbene Bedienungstankstelle, mit dem freundlichen Tankwart an der Zapfsäule mit den Profi-Scheibenreinigungsutensilien und einer immer offenen Hand für ein Trinkgeld, gibt es in Italien noch. Die Tanke-Selbstbedienung ist in Italien nun auch schon lange nicht mehr unbekannt. Manchmal gibt’s Tanken mit und ohne Tankwart sogar an der gleichen Tankstelle. Zapfsäulen links = mit Bedienung; Zapfsäulen rechts = ohne. Dafür hat sich, nach meiner Beobachtung vor allem in ländlichen Gebieten, die sog. 24h Tankstelle, die nur noch mit einem Tankautomaten ausgestattet ist, etabliert. Bei uns eher eine Seltenheit.
Unser Tank ist restlos leer. Das einzige was wir finden sind Tankstellen mit diesen Tank-Automaten und Kreditkarten-Anschluss. Ich brauche jedoch erst einmal eine ganze Weile um zu begreifen wie diese Dinger funktionieren. Es gibt zwar eine mit Piktogrammen gespickte Erklärung zur Benutzung dieser Tanksäulen am Tankwarthäuschen, das natürlich nicht besetzt ist. Wäre ja auch widersinnig, wenn neben dem Blechknecht dann doch noch ein Tankwart anwesend wäre um den Blechknecht zu überwachen. Die Menüführung der Tanksäulen verhält sich  aber komplett anders wie beschrieben. Die auf dem Plakat am Tankwarthäuschen angekündigte mehrsprachige Menüführung und die mehrsprachige Hilfefunktion, auf die hoffe ich vergebens. Wer hier nicht „eingeweiht“ ist, hat Pech gehabt. Das ist Italien.
Man sollte sich nicht darüber ärgern, höchstens wundern. Bringt man genügend Zeit mit, dann findet sich ein netter freundlicher und hilfsbereiter Italiener oder eine Italienerin die zwar nichts anderes sprechen als italienisch aber trotzdem bringen es diese liebenswerten Menschen immer wieder fertig, einem die Information zu geben die man wirklich braucht.
Sie freuen sich, dass sie einem helfen konnten. Und wir freuen uns dass wir Kontakt mit diesem freundlichen Menschen haben. Ein Winken, ein arrivederci, und jeder geht wieder mit einem Lächeln und einem guten Gefühl seines Weges. So funktioniert Völkerverständigung auch ohne Sprache.

Nachdem wir die Ebene durchquert haben wird es hügeliger. toskanabildImmer größer werden die Olivenhaine. Dann wieder ganze Hügel mit Wein. Hier ein Weingut dort ein Weingut und eines gepflegter als das andere. Müssten wir uns jetzt dadurch probieren, wir kämen als „ölige Alkoholiker“ wieder nach Hause. Und jedes Gut, das was auf sich hält, das hat eine hübsch gestaltete Einfahrt, ein Tor, einen Torbogen möglichst gesäumt von Zypressen, wie sie so typisch für die Toskana sind. Das sieht ganz genauso aus, wie auf dem Bild, das wir in unserem Esszimmer hängen haben. Unser Herz geht auf und wir können uns überhaupt nicht satt sehen. Ein entzücktes „Schau Mal“ jagt das andere.

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Zu Unrecht steht Lucca im Schatten von Pisa

von-pisa-nach-luccaEtwas enttäuscht verlassen wir Pisa. Die Berühmtheit der Stadt und die Auszeichnung als UNESCO-Welterbe schaffen Erwartungen die weder der schiefe Turm  noch die Basilika oder gar die gesamte Stadt erfüllen kann. So ist das: übersteigerte Erwartungen führen zu Enttäuschungen. 😈

Nach nicht einmal einer halben Stunde Fahrzeit und einer Entfernung von rund 20 km erreichen wir den Stellplatz in Lucca. Er liegt nur ein paar hundert Meter von der Stadtmauer entfernt, die die Altstadt umschließt. Diesmal entscheiden wir uns die Stadt mit den etruskischen Wurzeln nicht mit dem Rad  zu erkunden, sondern zu Fuß die Stadt zu „entdecken“. lucca-1-stadtmauerNach einem kurzen Marsch in sengender Sonne, erreichen wir das Stadttor und sehen uns einer mächtigen Stadtmauer gegenüber, die wir sofort als eine Verteidigungsanlage identifizieren. Sie hat den Charakter eines mittelalterlichen, militärischen Sicherungskomplexes und wurde im Zeitraum von 1504 bis 1645 erbaut. Wer sich solch mächtige Verteidigungsmauern leistet, der hat auch Wertvolles zu verteidigen.

Nachdem wir das Stadttor passiert haben, sehen wir was zu verteidigen war. Die Stadt muss eine sehr reiche Stadt gewesen sein, deren Reichtum wohl auf die Textilverarbeitung und den Textilhandel zurückgeht. Dies bezeugen zumindest einige bildliche Darstellungen in der Kirche San Michele und in der Kathedrale San Martino. Dieser Reichtum schafft Neider, die sich diesem Reichtum gerne bemächtigt hätten. lucca-2-2In der Tat, Lucca war neben Florenz und Pisa einer der wichtigen Metropolen in dieser Region im Mittelalter und ein „Gegenspieler“ von Pisa. Die Geschichte ist kompliziert und zum Teil auch verworren, erfordert gar ein halbes Geschichtsstudium. Aber ein Name fällt immer wieder bei Freund und Feind: „Medici“ und „Florenz“. Diese Familie aus Florenz, das werden wir noch im Verlauf der weiteren Reise immer wieder sehen, sind nicht nur sehr erfolgreiche Kaufleute und Politiker gewesen, nein, sie haben mit ihrem Wirken einen ganzen Kulturkreis über lange Zeit geprägt. Auch die Franzosen, die Habsburger, die reichen norditalienischen Provinzen, Könige, Kaiser und die Kurie haben den geschichtlichen Verlauf dieser Stadt direkt oder indirekt beeinflusst und zu einer bewegten und wechselvollen Geschichte werden lassen

lucca-2-1Wir wenden uns erst einmal dem historischen Stadtkern zu und schlendern eher etwas ziellos eine Straße entlang. Im Gegensatz zu Pisa, wo wir eine Belebtheit nur um den schiefen Turm herum wahrnehmen konnten, vor allem durch Touristen, finden wir in Lucca eine Belebtheit der Stadt, die wir angesichts des Datums, Ende August, nicht erwartet hätten. Wir waren der Meinung, alles was Beine hat und nicht vor Ort unbedingt gebraucht wird, versammelt sich irgendwo an der Küste. Ja, auch in Lucca sind einige kulturhistorisch interessierte Touristen aus aller Welt unterwegs. Aber wir beobachten auch ein ganz normales alltägliches Leben in dieser Stadt mit Menschen die hier leben, mit Menschen die hier arbeiten, mit Menschen die einkaufen, mit Menschen die es sich in den Cafés und Bars gut gehen lassen und mit sehr vielen Studenten, denn Lucca ist auch eine Universitätsstadt. Trotz der hohen Temperaturen von weit über 30 Grad ein sehr angenehmes Flair, wenn man im Schatten sitzt. 😉

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Wir schlendern durch die Stadt und kommen leicht vom geraden Weg ab. Eigentlich haben wir nach einem Kaffee gesucht und nun stehen wir unvermittelt vor einer Kirche die unsere Aufmerksamkeit erregt. Wir halten es zunächst für die Kathedrale San Martino. Doch nach einer Überprüfung unseres Standortes auf der kleinen Karte, die es am Stellplatz kostenlos gab,  stellen wir fest, dass wir vor der Kirche San Michele in Forno stehen.
In dem gleißenden Licht fällt es uns zunächst gar nicht auf. Ein Blick in Richtung Himmel tut richtig weh in den Augen und so weist uns der kleine Stadtplan darauf hin, das wir vor einer Engelskirche stehen. Hoch oben auf dem First des Kirchenschiffs kann man das eher schemenhaft erkennen. Doch der Zoom holt für uns den Engel heran. – Also, so stellten sich die Menschen im Mittelalter einen Engel vor. Der weicht doch stark von den Engelsdarstellungen des „Kitsch- Barock“ mit Puttenengel & Co. ab. 😉 . So heißt es dann auch in der Bibel bei Engelserscheinungen: „Fürchtet Euch nicht, …“ Man stellte sich damals einen Engel wohl eher als eine kraft- und machtvolle Figur vor.

Wie von Geisterhand werden wir zu einem weiteren Platz geführt. Ein altes römisches Amphitheater bildete die Grundlage für die Piazza dell’anfiteatro. Ohne Reiseführer wäre uns das überhaupt nicht aufgefallen. Heute ist es einfach einen großer Platz in der Stadt und wenn man genau hinschaut so erkennt man auch noch Reste des alten Theaters, die in die heutigen Gebäude integriert wurden. lucca-6-eisAngesichts der Hitze kommt uns ein Eis gerade recht. Die Gelati-Tradition Italiens geht meines Wissens nach auf die Römer zurück. Sie ließen vor 2000 Jahren Schnee- und Eisblöcke im Apennin „ernten“ und nach Rom bringen, wo diese in der „römischen Unterwelt“ den Katakomben gelagert wurden, bis sie, bzw das was noch nicht weggeschmolzen war, zu einem Vorläufer des heutigen Gelato verarbeitet wurden.
Bei diesen Temperaturen ist eine solche Erfrischung immer willkommen 😉

Nun aber zur Kathedrale San Martino. Auch hier sind wir beeindruckt von der Schönheit und der reichen künstlerischen Ausgestaltung der Kirche.

Wir verlassen San Martino, seitlich des Ausgangs an der Wand auf einmal das:

lucca-7-8-kathedrale-san-martino-labyrinthEin eindeutiger Bezug zum „Labyrinth von Chartres“. Wäre es nicht so heiß und wir so müde, dann wären wir noch einmal zurückgegangen, um gezielt nach weiteren Bezügen zu suchen.
Es ist schon früher Nachmittag und inzwischen unerträglich heiß. Wir entschließen uns zurück zu gehen, und das zu tun, was die Italiener um diese Uhrzeit üblicherweise auch tun – ein kühles Plätzchen suchen und möglichst nichts tun.

Es ist ca. 19 Uhr und das Leben ist längst in die Stadt zurückgekehrt, da überkommt uns die „Pizza Lust“. Wir haben auf unserem Rückweg einen kleinen Pizza-To-Go Laden ganz in der Nähe des Stellplatzes entdeckt. Unsere Erwartung ist nicht groß. Doch nach dem die Pizza auf unseren Campingtisch liegt und wir die ersten Bissen vertilgt haben, sind wir uns einig: so eine gute Pizza „Togo“ hatten wir noch nie gegessen und zu einem Preis, den ich angesichts der hohen Qualität für unmoralisch niedrig halte.

lucca-8-1-lucca-bei-nachtFrisch gestärkt schwingen wir uns auf unsere Drahtesel. Langsam beginnt die Dämmerung herein zu brechen und wir haben vor, auf der Stadtmauer mit unseren Fahrrädern die Stadt zu umrunden. Ja, das geht, denn die Stadtmauer ist eigentlich eine Doppelmauer. Der dazwischen liegende Raum ist mit Erde aufgefüllt und so ergibt sich ein großer Rundweg um die historische Altstadt mit einer durchschnittlichen Breite von etwa 15 bis 30 Meter. Das suggeriert dem Betrachter von außen eine sehr dicke Stadtmauer (erkennbar z,B. an den langen Durchgängen der vier Stadttore) die, mit den Augen des Mittelalters betrachtet, uneinnehmbar erscheint. lucca-8-2-lucca-bei-nachtDieser Rundweg um die Stadt ermöglicht einem Einblicke und Perspektiven, die sonst bei diesen historischen Stadtkernen meist nicht möglich sind. Die angelegten Grünanlagen auf der Stadtmauer dienen vielen Studenten als „Lesesaal“ zum studieren von Büchern oder Informationen auf ihren Tablets oder zum chillen. Eine friedlich junge Atmosphäre die wir auf der Stadtmauer wahrnehmen. Einzelne Gebäude an oder ‚auf‘ der Stadtmauer dienen heute als Bar oder Restaurant, wo man zum Abschluss des Tages noch einen Rotwein aus der Region oder auch mehr bei angenehmen 27 Grad im leichten Sommerkleid genießen kann. Das machen wir auch und fallen dann gegen Mitternacht in unsere Kojen.

Lucca hat uns sehr gut gefallen und entschädigt uns für unsere Enttäuschung in Pisa. Rückblickend betrachtet, hätten wir uns noch mehr Zeit für Lucca nehmen sollen und so steht fest: „Lucca wir kommen wieder!“