Deutsche Weinstraße zur Mandelblütenzeit #5

Über Nacht hatte sich die Wetterlage „eingetrübt“. Wolken haben den Sonnenschein vertrieben und die Temperaturen waren deutlich gefallen. Zusätzlich hatte sich ein eisiger Ostwind eingestellt. Wetterfeste Kleidung war also angesagt. Wir machten unsere Fahrräder startklar für eine Erkundung der näheren Umgebung.

Wie schon die letzten Tage sind wir umgeben von Weinbergen. Wein-„Berge“??? Wir sind gebürtige Baden-Württemberger und kommen beide aus Weingegenden. Weinanbau heißt in unserer Geburtsheimat: steile Hänge, terrassierte Berge, Stützmauern und äußerst anstrengende Arbeit in diesen Steillagen.
Nicht so hier. Wir bezeichnen so etwas vielleicht gerade noch als Hügel, aber niemals als Berge. Nein, das sind keine Weinberge, für uns sind das Weinfelder. Weinfelder so weit das Auge reicht.

Weinhügel1   Weinhügel2

Und jetzt, zu dieser Jahreszeit, noch kahl und ein wenig trostlos. Die Reben zurückgeschnitten, der Boden zwischen den Rebstockreihen gelockert, alles ist vorbereitet für den neuen Wachstumszyklus. Es scheint fast so, als ob die Rebstöcke nur darauf warten, das Sträucher und Bäume am Rande der „Weinfelder“ fertig mit ihrem Frühlingsaustrieb sind, um dann die ganze Aufmerksamkeit der Sonne für ihren Wachstumsschub zu beanspruchen.

Wir radeln durch die endlosen Weinhügel bis wir irgendwann in Rhodt wieder in so einem hübschen Weindorf landen. Winzer neben Winzer, hübsch restaurierte Höfe und Gaststuben vermitteln uns den Eindruck, dass es außer Essen nichts Wichtigeres als Wein auf dieser Welt gibt. Und das scheint hier wohl schon so seit der Römerzeit zu sein.

Rhodt1  Rhodt2Rhodt4  Rhodt3

Ein von Klima bevorzugter Landstrich in Deutschland. Das hatte sich sogar bis zu unseren bayrischen König Ludwig herumgesprochen, der sich so eine Art Wochenendhaus oberhalb der Weinfelder von Rhodt erbauen ließ.

Ludwigshöhe

Diese königliche Sommervilla ist heute ein Hotel. Wir verkneifen uns die letzten Höhenmeter hinaufzustrampeln und unserem bayrischen Märchenkönig die Ehre zu erweisen. Wir ziehen es vor uns einen Kaffee und einen Kuchen zu suchen.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf nach Landau. Die Sonne ist zurück und von Stunde zu Stunde wird es immer wärmer. In Landau sehen wir wieder eine ganze Menge Mandelbäume. Bei der Modernisierung der Stadt, hat man offensichtlich dieser Mandelbaumtradition Rechnung getragen und bei der Neugestaltung von Straßen und Plätzen Mandelbäume als Gestaltungselement eingesetzt.

Landau1

Landau gefällt uns nicht ganz so gut wie die Orte und Städte zuvor. Ich habe immer wieder das Gefühl, dass sich in dieser Stadt ehemalige Provisorien über längere Zeit erhalten haben. Der Stadtkern wirkt auf mich zerrissen, und irgendwie „noch“ nicht aus einem Guss. Für ein paar Stadtplaner gibt es hier noch etwas zu tun.
Wäre das Wetter so wie am Vortag gewesen, dann hätten wir sicher noch einen Besuch in der Therme in Erwägung gezogen. So entschließen wir uns jedoch die Heimfahrt über die Landstraßen ins Frankenland anzutreten. Wir durchqueren die Rheinebene und stoßen auf der anderen Rheinseite auf die Badische Weinstraße der wir ein Stück des Weges folgen. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir im Sommer und Herbst vor haben. Die Badische Weinstraße befahren. Wir sind schon jetzt gespannt welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede wir wahrnehmen werden.

Landau2

Die Mandelblüte wird uns mit Sicherheit in Erinnerung bleiben. Man muss dazu nicht in mediterrane Gegenden reisen… das gibt es auch bei uns. Dank der Römer und dem milden Klima an der deutschen Weinstrasse.

Deutsche Weinstraße zur Mandelblütenzeit #4

Am nächsten Morgen machen wir uns auf nach Neustadt an der Weinstraße. Die Stadt stellt Wohnmobilisten einen kleinen geteerten Stellplatz mit Ver- und Entsorgung zur Verfügung, sehr sauber und gepflegt für ein akzeptables Entgelt. Da können sich viele Städte eine dicke Scheibe abschneiden. Nun gut, Neustadt liegt in einer Tourismusregion, mit einer langen Tradition. Da haben die Verantwortlichen einfach einen viel stärker geschärften Blick für die Bedürfnisse ihrer Gäste. Man könnte es auch Kunden- und Serviceorientierung nennen. Die findet man in Städten der 10fachen Größe nicht mehr. Schade.

Neustadt1     Neustadt2

Wir machen einen gemütlichen Rundgang durch das Zentrum von Neustadt. Der Gesamteindruck ist für uns deutlich von der Weinbautradition des Umlandes geprägt, die bis in die Römerzeit zurückreicht. Ein hübsches Städtchen an dem, so erscheint es uns, die Hyper-Hektik moderner In-Metropolen (noch?) vorbeigegangen ist.
Ich hoffe es bleibt auch so.

Neustadt3

Zum Abschluss genehmigen wir uns noch einen Cappuccino und einen „Mandelblüten“-Kuchen, bevor wir den Rückweg antreten und unser nächstes Ziel, das Hambacher Schloß ansteuern.

Wir parken unterhalb des Hambacher Schlosses auf dem Parkplatz eines Freibads, das zu dieser Jahreszeit noch nicht geöffnet hat. Von dort aus machen wir uns auf, den zum Teil recht steilen Weg, hinauf zum Schloss. Zunächst müssen wir durch ein bebautes Gebiet mit schmucken Häusern, die mit kräftigen Stützmauern in den Hang hineingebaut sind. Bei genauerem Hinsehen fällt uns auf, dass die Grundstücke ehemalige terrassierte Weinbauhänge sind. Heute sind diese Grundstücke wohl beliebter als luxuriöse Wohnlagen. Wer hier sein Domizil aufschlagen möchte, der sollte auch über das nötige Kleingeld verfügen um einen vier- bis sechsstöckigen Aufzug einbauen zu können. Andernfalls wird der Sprudelkistentransport vom Straßenniveau ins erste oder zweite Stockwerk zu einer schweißtreibenden und bandscheibenbelastenden Angelegenheit.
Wer hier wohnt, der darf sich jeden Tag bei guter Wetterlage über seine unverbaubare Rheintal-Fernsicht freuen.

Wir verlassen den Bebauungsgürtel und befinden aus abrupt in bewaldeten Terrain – dem Pfälzer Wald.

FreiheitspfadDer Weg (mit dem Namen Freiheitspfad) zieht sich mit kräftig-kontinuierlicher Steigung nach oben. Für leichtes Freizeitschuhwerk oder gar Stöckelschuhe ist das nichts mehr.
Wir erreichen die Wiege der deutschen Demokratie, wie es in einigen Publikationen zu lesen ist. Diese spielen damit auf ein Ereignis 1832 an, das als Hambacher Fest in die deutsche Geschichte einging. Wiege der Demokratie ist sicher eine überzogene Formulierung aber ein Meilenstein war es. Ein kleines Museum und ein neu erbauter Shop erinnern daran.
Heute ist das Schloß besonders bei Hochzeitern als geschichtsträchtige Kulisse beliebt. Ebenso beliebt ist dieses Ziel bei Reisebusunternehmen und Kaffeefahrtanbietern, die ihre Kunden gerne mit dem Omnibus den Berg hinaufkarren und im Stundenrhythmus über die Aussichtsterrassen jagen.

Hambacher Schloss

Wir machen uns wieder an den Abstieg, auf dem gleichen Weg auf dem wir gekommen waren.
In Hambach angekommen lassen wir uns wieder von den, wie auf einer Perlenschnur aufgereiten Winzerhöfen verzaubern. In jedem nur ein Glas probieren… ein riesiger Kater wäre uns am nächsten Morgen sicher. 🙂

Hambach2Hambach3

Wir suchen uns ein paar km weiter, wiederum auf einem Weingut in Edesheim, einen Platz zum übernachten. Es war ein wunderschön warmer und sonniger Tag und wir werden mit einem wunderschönen Sonnenuntergang in die Nacht verabschiedet.

Edesheim1

Wir genießen den Abend, natürlich mit einer Flasche Wein, wohl wissend, dass in der Nacht das Wetter umschlagen wird.

Deutsche Weinstraße zur Mandelblütenzeit #3

Am späten Abend ist unsere Freundin noch zu uns gestoßen. Wir hatten uns locker in Bad Dürkheim verabredet. Wir setzten uns noch in unserem Wohnmobil auf eine Flasche Wein zusammen, bevor wir Kraft für einen neuen Tag schöpften.
Unsere nächste Etappe führte uns entlang der Deutschen Weinstraße nach Gimmeldingen, dem inoffiziellen Zentrum der Mandelblüte an der Weinstraße. Und in der Tat, stellen wir eine signifikante Häufung von Mandelbäumen mit ihrer charakteristischen Zartrosafärbung fest.

Mandelblüte2

Mandelblüte in Gimmeldingen 2015
Mandelblüte in Gimmeldingen 2015

Hier findet auch jedes Jahr das Mandelblütenfest statt. Es ist im Jahreskalender das erste Weinfest in Deutschland. Wir sind allerdings 3 Wochen zu spät dran. Das Mandelblütenmeer ist immer noch imposant, auch wenn das erste Zartgrün, der nach der Blüte austreibenden Blätter, den rosa Blütenteppich beginnt zu unterbrechen.

Wir registrieren, dass die Anzahl von Einzelwanderern und kleinen Wandergruppen auf dem ausgeschilderten Mandelblütenweg um Gimmeldingen herum zu dieser Jahreszeit deutlich höher ist als an anderen Orten. Ein weiteres Indiz, dass Gimmeldingen das Mandelblütenzentrum ist.

Gimmeldingen2

Auf dem Weg dorthin durchfahren wir die Weindörfer Wachenheim und Deidesheim Hier und da können wir einen Blick in einen Innenhof eines Weingutes erhaschen. Oft laden die aufgestellten Tische, Stühle und Bänke mit hübscher Tisch- und Innenhofdekoration zur Weinprobe ein. Für uns ist es aber noch zu früh am Tag um Alkohol in uns hineinzuschütten. Wir genießen die Mandelblüte bei einer kleinen Wanderung vor den Toren Gimmeldingens und in Gimmeldingen, wo uns ein paar Weingüter zu einer Verkostung locken wollen. Der große Omnibus der uns bei der engen Ortsdurchfahrt aufgefallen war, sagte uns: Vorsicht organisierter Massentourismus.

Gimmeldingen1

Bei unserem Spaziergang fallen uns immer wieder Perspektiven auf, die uns in ihrer Charakteristik an die Toskana erinnern.

 

Gimmeldingen3Gimmeldingen4Gimmeldingen5

Wir suchen uns einen Stellplatz auf einem Weingut ein paar Kilometer weiter in Musbach, besorgen uns beim Winzer ein paar angebrochene Flaschen seiner Weinempfehlung und beginnen nach unsern „Abendmahl“ die Produkte des Weinkellers gemütlich zu verkosten

Deutsche Weinstraße zur Mandelblütenzeit #2

Wir verlassen Speyer und steuern unser eigentliches Ziel, die Deutsche Weinstraße an. Wir wollen in Bad Dürkheim einsteigen und uns dann langsam über Neustadt nach Landau und wenn die Zeit noch reicht, bis Bad Bergzabern vorarbeiten. Wir sind zwar schon ein wenig spät dran dieses Jahr für die Mandelblüte, aber wir hoffen, dass es noch nicht zu spät ist.

Aber zunächst schauen wir uns Bad Dürkheim an. Bei der Anfahrt zum Stellplatz wurde uns unmissverständlich der Kurortcharakter durch die große und nicht übersehbare Saline signalisiert. Sie ist erst seit wenigen Jahren wieder in Betrieb, nach dem sie abgebrannt war. Wie wir dann bei unseren Erkundungsgang feststellen konnten, ist dieses „Kulturdenkmal“ und Wahrzeichen auch schön in die Umgebung eingegliedert und schließt sich an den für einen Kurort obligatorischen Kurpark an.
Über die Architektur, der den Kurpark säumenden modernen Klinikbauten, lässt sich streiten. Sie wollen einfach nicht so recht zu den sympathisch verstaubten, aber in guten Erhaltungszustand befindlichen, historischen Ortskern mit der mondän wirkenden Spielbank passen.
Dennoch ist es den Verantwortlichen recht gut gelungen das traditionelle Erbe des Ortes mit den Anforderungen einer effizienten Kurinfrastruktur harmonisch, ohne all zu störende Gegensätze, zu verbinden.
Anders sehen wir das bei dem Bad Dürkheimer Riesenfass am Wurstmarktgelände. Das angeblich größte Weinfass der Welt mit rund 1.7 Mio Litern Inhalt ist letztlich ein touristischer Werbegag. Das Fass beherbergt ein Restaurant und ist einfach nur der Versuch durch einen Superlativ Aufmerksamkeit zu erregen und superlativ-geile Kundschaft anzulocken.
Wir lassen einfach das Flair dieses Kurstädtchens auf uns wirken und freuen uns auf den nächsten Tag, der uns in das Zentrum der Mandelblüte bringen soll.

Deutsche Weinstraße zur Mandelblütenzeit #1

Ausgangspunkt für unsere Tour ist Speyer. Hier machen wir bei der Anreise einen Zwischenstopp. Von der Autobahn kommend orientieren wir uns erst einmal in Richtung des Wahrzeichens von Speyer: dem Dom. Leider müssen wir feststellen, dass gerade ein Frühjahrsvolksfest stattfindet. So müssen wir den Parkplatz des Technikmuseums ansteuern.
Nach Museum ist uns heute nicht. Also lassen wir Technikmuseum und Rummelplatz links liegen und nähern uns dem Dom.

Schon bei der Anfahrt beeindruckte uns die stattliche Silhouette des Doms, die die flache Landschaft der Rheinebene überragt. Wir sind an Chartres erinnert. Auch dort überragt die Kathedrale die flache Ebene. Die Erbauer wollten durch diesen optischen Eindruck dem Besucher eindrucksvoll ihre Bedeutung und Macht demonstrieren. Hier wie da kann man dies als gelungen betrachten.

Steht man jedoch unmittelbar vor diesen Gebäuden, so unterscheiden sie sich gänzlich. Der Dom zu Speyer wirkt kräftig, vielleicht sogar etwas monumental. Er wirkt eher durch seine Masse als durch seine Höhe. Man hat den Eindruck, die Baumeister von Speyer haben erst gar nicht versucht durch die Höhe der Türme dem Himmel näher zu kommen.
Ganz anders die gotischen Bauten von Chartres, Strasbourg oder Ulm. Sie beeindrucken durch Filigranität, Höhe, Leichtigkeit und Transparenz.

Dom zu Speyer
Dom zu Speyer
Kathedrale in Chartres (F)
Kathedrale in Chartres (F)

Auch bildhauerische Meisterleistungen finden sich in Speyer im Vergleich nur spärlich. Eine Beisetzungskirche etlicher deutscher Kaiser hat nun eben einen anderen Anspruch als ein in Stein gehauenes „Wissensvermächtnis“ eines gotischen Prachtbaus.

Dom zu Speyer
Dom zu Speyer

Wir lassen die Monumentalität des Baus auf uns wirken und erkunden die umliegende Innenstadt von Speyer. Leider finden wir auch hier in dem historischen Ortskern auf Erdgeschoßhöhe austauschbare Bilder verschiedenster Handelsketten und Markenlabels. Diese zerstören den Charakter der den Dom umgebenden Architektur – leider!
Denkmalschützer und Stadtbauämter scheinen auf Erdgeschoßebene ständig die Verlierer gegenüber Wirtschaftsinteressen zu sein.

Marktplatz in Speyer
Marktplatz in Speyer

Ab dem ersten Stock allerdings, ist dieser Charakter erkennbar!
Die Monumentalität des Doms auf der einen Seite und die Gedrungenheit der umgebenden Bebauung auf der anderen Seite, dokumentieren deutlich den Machtanspruch von Kaiser und Kirche gegenüber dem Volk. Einer zu damaliger Zeit allseits akzeptierten Ordnung.
Man ist versucht zu glauben, in Speyer habe sich kein selbstbewusstes Bürgertum entwickelt, wie in so manch anderer historisch bedeutsamen Stadt, zumindest nicht in der die Umgebung architektonisch prägenden Zeit.

Dies ist sicher eine sehr eigenwillige Interpretation eines Vergleichs von verschiedenen historisch bedeutsamen Städten. Gefühlsmäßig drängte sich uns diese Interpretation jedoch auf.