Neubrandenburg: zwischen Torpedotestanlage und Backsteingotik

Wir fahren weiter nach Neubrandenburg. Der Wohnmobilstellplatz liegt in einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet am Tollensesee

Die Torpedoteststrecke

In den Jahren 1941 und 1942 entstand hier die Außenstelle der Torpedoversuchsanstalt Eckernförde in Neubrandenburg am, bzw. im Tollensesee. Der Standort erschien den damals Verantwortlichen ideal geeignet zu sein, da er weit im Landesinneren liegt und somit Schutz vor Spionage und Bombenangriffen bot. Neben den Hallen an Land, die heute kleinen Firmen und einem Radiosender als Standort dienen, sind im See nur noch die Fundamente der Abschussrampen zu sehen. Wie uns ein Einheimischer erzählte wurden die anderen militärischen Anlagen nach dem 2. Weltkrieg zerstört.

Wir entscheiden uns zunächst für eine Tour rund um den Tollensesee. Überwiegend im Wald verlaufend, was gerade bei hohen Temperaturen sehr angenehm ist. Die Wege sind zwar nicht in einem Top-Zustand, aber wenn das der Preis ist, dass es keinen Turbo-Tourismus gibt, dann bezahle ich diesen Preis gerne.

Backsteingotik pur

Am nächsten Tag satteln wir die Drahtesel zur Stadtbesichtigung Neubrandenburg ist für Europas besterhaltene Stadtbefestigung der Backsteingotik bekannt. Die SED-ldiologie hat aber den historischen Stadtkern durchlöchert  – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Stadtmauer und ihre beeindruckenden Stadttore (seit 2019 trägt die Stadt offiziell den Namenszusatz Vier-Tore-Stadt) sind noch komplett erhalten und restauriert.

zerstörtes historisches Gesamtbild

Die Bebauung innerhalb dieser Mauern ist aber leider von sozialistischer Geschmacks-Hegemonie durchseucht. Das was erhalten geblieben ist, wurde wieder in Stand gesetzt. Leider ist an manchen Stellen zu viel durch sozialistische Baukultur ersetzt worden, so dass kein harmonisches Gesamtbild mehr möglich erscheint.

Und während wir vor einem modernen Einkaufszentrum schräg gegenüber von diesem städtebaulichen Frevel diesen Verlust beklagen, rollt auf uns eine Mami-Armada im „Krabbelgruppe-Kampfschritt“ mit ihren Kinderwagen zu, die uns ein amüsiertes Lächeln ins Gesicht zaubern.

Mami-Parade im Gleichschritt 😉
Stadtmauer Neubrandenburg

Entlang der Stadtmauer bekommt man trotzdem ein gutes Bild von der historischen Architektur. Die Backsteingotik zeigt sich besonders auffällig in den „Monumentalbauten der Epoche: den Stadttoren und den Kirchen, die zu damaliger Zeit wohl die wichtigsten Repräsentanzen der Stadt waren und dem Besucher eindrucksvoll zeigen sollten, wo er sich befand. In einer stolzen und selbstbewussten Stadt, die ihren Reichtum und ihren Einfluss durch diese Bauten dokumentiert. Das ist ein Muster der Stadtarchitektur, dass sich schon seit tausenden von Jahren durch die Geschichte zieht. Rom ist das beste Beispiel dafür. Auch wenn ich nun Neubrandenburg nicht mit Rom vergleichen möchte, aber die Muster und die dahinter stehende Motivation ist die Gleiche. Da, wo in jüngerer Zeit Bausubstanz ersetzt werden musste, geschah es behutsam und mit ästhetischem Gefühl. Der innere Stadtbereich ist aber als historisches Gesamtensemble verloren.

Flusssteinpflaster

Auch hier Flusssteinpflasterung wie in Neustrelitz und Fürstenberg, aber etwas moderater. Das macht auch mit dem Fahrrad nicht wirklich Spaß! Vor den Holpereien muss man auf der Hut sein. Als Ortsunkundiger gilt: Den Lenker immer „fest im Griff!“ – sonst droht Handstand-Überschlag mit harter Landung.

Fundstück auf dem WoMo-Stellplatz

Uns gegenüber steht wieder einmal ein außergewöhnliches Wohnmobil mit einem holländischen Kennzeichen. Das ist Minimalismus pur. Platz für Zwei zum Schlafen, aufrecht stehen keine Chance, Minispüle, Gaskocher und Unterschrank für Vorräte und Geschirr für 2 Personen , mobile Campingtoitette unterm Bett und 2 Rucksäcke für Klamotten und Zahnbürste, zwei zusammenklappbare Campinghocker dienen als Sitzgelegenheit für drinnen und draußen – Das war’s. Und während der Fahrt finden auch noch 2 Fahrräder im Innenraum Platz. So etwas sieht man nicht alle Tage.

Das ist schon fast Back-Packing- (Rucksack-)Tourismus auf vier Rädern. Auch die beiden „Insassen“, die später von einer Radtour zurückkommen entsprechen optisch dem Bild des puren Minimalismus und genau so Wortkarg sind sie auch. Ein in sich wirklich stimmiges Gesamtbild 😉

4 Gedanken zu “Neubrandenburg: zwischen Torpedotestanlage und Backsteingotik

  1. Leider wurden zu DDR-Zeiten viele Baufehler in den Städten begangen. Polen wäre da ein Vorbild gewesen, dort wurden die Städte nach historischen Stadtplänen wieder aufgebaut!

    Danke für die interessanten Berichte! Ich lese sie immer gern, auch wenn nicht immer ein Kommentar erfolgt.

    Liebe Grüße von Ingrid

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    • Danke Ingrid,
      Danke!!!! Dein Kommentar ist Ansporn uns auch weiterhin anzustrengen… . 😊☺😉☺
      Ja, mit dem polnischen Vorbild hast du absolut recht. Aber nun ist es eben einmal so und die jetzige und die nächste Generation von Architekten haben eine echte Herausforderung aus den geschaffenen Tatsachen etwas zu machen, was die Vergangenheit nicht leugnet, aber auch ästhetischen Ansprüchen genügt.
      Bei alten historisch gewachsenen Städten ist es ja auch so, dass sich verschiedene Baustile über die Jahrhunderte mischen. Und wir empfinden es als harmonisch.

      LG WoMolix

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