Schöne Aussichten – Zollfreiheit inclusive: San Marino

San Marino 2 AbenddämmerungAus der Poebene kommend türmen sich die Berge des Apennin vor uns auf. Mir wird mal wieder bewußt, Italien ist nicht nur das medial geprägte Bild von Sommer, Sonne, Meer sondern der überwiegende Flächenanteil ist alpines Gebiet. Nachdem uns unser Navi mal wieder ausgetrickst hat, stehen wir auf einem kleinen abschüssigen Parkplatz gegenüber eines Parkhauses, das in den Fels hineingebaut ist. Auch mit Unterlegkeilen ist eine einigermaßen ebene Liegefläche nicht zu realisieren. Andere Wohnmobilisten die auf dem Parkplatz stehen, scheinen da etwas toleranter zu sein, was den Liege- und Schlafkomfort betrifft. San Marino 1 SonnenuntergangWir fahren zurück zu einer etwas tiefer liegenden Ringstraße, die auch als Parkplatz für Tagesbesucher, Reisebusse und als Übernachtungsplatz für Wohnmobile genutzt wird. Wir machen noch einen kleinen Spaziergang und werden an einer exponierten Stelle mit einem grandiosen Sonnenuntergang belohnt.

Am nächsten Morgen erklimmen wir erst einmal den steilen Aufstieg zum Herzstück dieses Zwergstaates. Auf dem Rückweg stellen wir dann fest, dass wir nur bis zu dem Parkhaus hätten aufsteigen müssen. Von dort gibt es mehrere Aufzüge die uns komfortabel nach oben gebracht hätten.
Wir werden am Stadttor von einer Polizistin sehr freundlich begrüßt und über den Fußgängerüberweg zum Stadttor geleitet. Weder unsere äußerliche Konstitution, noch der nicht vorhandene Verkehr haben diese Geste erforderlich gemacht und so freuen wir uns in der Vorsaison so aufmerksam behandelt zu werden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass in der Hauptsaison diese relaxte Freundlichkeit noch möglich ist.

San Marino 3 Museum ModellAuch die angenehme „Leere“ in den Gassen der drei Burganlagen auf diesem Berggipfel, dürfte sich mit dem Eintreffen der großen Touristenströme in eine zweifelhafte Besichtigungshektik verwandeln.
Wir informieren uns erst einmal im Museum des Stadtstaates, das, man staune, kostenlos ist. Ist das der Grund, weshalb die meisten Touristen dieses Museum auf dem Weg zu den Aussichtspunkten achtlos links liegen lassen. Wir sind die einzigen Besucher und stellen nach dem Rundgang fest, dieses Dornröschendasein hat das Museum nicht verdient.

Die tiptopp instandgehaltenden Burganlagen, das touristische Kapital des Zwergstaates, sind natürlich mit Souvenirläden, Verpflegungseinrichtungen und Shoppingläden wo immer möglich gepflastert. Die Zollfreiheit zieht den Duty Free Handel magisch an. Das klassische Sortiment der Duty Free Areas aller internationalen Flughäfen oder auf Schiffen ist auch hier vertreten. Parfüm, Zigaretten und Hochprozentiges sollen einen Shoppingrausch bei den Gästen auslösen.
Da uns dies nicht interessiert wäre uns auch beinahe ein Detail entgangen. San Marino 9 WaffenladenUnvermittelt stehe ich vor einem Waffenladen. Neben Schlagring, Kampfmesser und einigen Gewehren und Schrotflinten fallen mir auch einige Schnellfeuerwaffen der Machart Pumpgun, Utzi und sogar Kalaschnikow ins Auge.
Ganz ehrlich – das irritiert mich etwas, denn das bleibt nicht der einzige Waffenladen den ich entdecke. Werden nun Pumpguns nebst scharfer Munition zum angesagten Urlaubsmitbringsel für San Marino Touristen? Muss ich mich in Zukunft vor Menschen in Acht nehmen, die in San Marino zum shoppen waren und nun ihr schußgewaltiges Mitbringsel an mir ausprobieren möchten?

Wir widmen unsere Aufmerksamkeit den Befestigungsanlagen und den vielfältigen Ausblicken in die Umgebung und die sind wirklich grandios – schönes Wetter vorausgesetzt. Mit dem einen oder anderen Ausblick zwischen den Zinnen der Befestigungsmauer hindurch kommt so ein wenig das „Mittelalterfeeling“ in uns hoch. San Marino 6 Weitblick mit BurgWie war das wohl, damals, als Burgfräulein und Burgherr hier oben residierten und unten im Tal die Untertanen ihren Frohndienst für ihre Fürsten verrichteten? Wie war das wohl? Wurden hier oben rauschende Feste gefeiert? Wie war denn das, wenn man mal zum Nachbarfürsten zum Kaffeeklatsch wollte? Ganz schön beschwerlich! Erst mal den ganzen Berg hinunter und dann beim Nachbarn wieder hinauf. Nicht so komfortabel wie wir mit dem Wohnmobil, sondern auf schmalen holprigen Wegen, entweder hoch zu Roß oder mit der Kutsche, schlecht gefedert, war man unterwegs. Aber auch nur wenn man zu den Aristokraten gehörte. Das gemeine Volk mußte laufen. Ein Besuch beim Nachbarn dauerte mindestens eine Tagesreise. Die Verpflegung für den Alltag auf der Burg und erst recht für ein großes Fest, musste aus dem Tal hinaufgeschafft werden… Heute erledigt das ein 15 Tonner in einer knappen halben Stunde.

San Marino 10 Wache vor dem RegierungssitzBei all dieser touristischen Urbanisierung will sich bei uns eine wirkliche Vorstellungskraft, wie es damals war, nicht einstellen. Wir müssen akzeptieren, dass wir unbeteiligter Beobachter einer anderen Epoche sind.
Vielleicht entwickeln sich in der Zukunft, so hoffen wir, touristische Konzepte, die diese Vorstellung besser vermitteln, die die damalige Lebensweise erfahrbar machen.
Hier liegt für uns der wesentliche Unterschied zu Venedig. Venedig haben wir „belebt“ wahrgenommen; belebt wahr genommen im hier und jetzt. Aus dieser Belebtheit heraus, war es uns erstaunlicher Weise möglich, in unserer Phantasie ein Bild aus vergangenen Epochen entstehen zu lassen, das auch die Gefühlesebene mit einschließt. Das gelingt uns in San Marino nicht wirklich. Hier sind wir nur Betrachter eines Artefakts, gemeinsam mit hunderten anderer Touristen – schön, aber nicht belebt.
So können wir einfach nur staunen, wie die Menschen diese mittelalterlichen Anlagen geschaffen haben.

San Marino 5 Panorama Fürstensitz

Auf jeden Fall ist eines sicher. Die Menschen die damals die Aussicht von diesem exponierten Punkt in der Landschaft genießen durften, waren mit Sicherheit genau so beeindruckt von dem Ausblick wie wir. Dieser Ausblick alleine ist es schon wert, sich auf den Weg hier hinauf zu machen.

 

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6 Gedanken zu “Schöne Aussichten – Zollfreiheit inclusive: San Marino

      • griiiiins….gut, dass es so gute Fotografen wie dich gibt.
        Lieber würde ich verzichten als einen Berg raufzukraxeln.

        Ich bin Fischlein durch und durch und die gehören ins bzw. ans Wasser….lach…

        Gefällt 1 Person

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