Die Wandzeitung lebt!

Ich habe immer geglaubt, Wandzeitungen seien eine Erfindung der Kommunisten und berühmt geworden durch Mao Zedong. Er leitete mit seiner ersten Wandzeitung 1966 in China seine „Kulturrevolution“ ein. Mit dem Niedergang des Kommunismus sei, so glaubte ich, die Wandzeitung ebenfalls wieder verschwunden.
Doch schon in mehreren Orten in der Toskana, wie auch hier in Volterra stolpern wir geradezu über diese „Wandzeitungen“ Mit einem Blick in Wikipedia zeigt sich jedoch, dass auch schon im Nationalsozialismus die Wandzeitung zur Verbreitung von Informationen (damals war es eher Propaganda) genutzt wurde. Das war mir nicht bewusst.

volterra-10-wandzeitungDoch hier in dieser Region gibt es sie noch: die Wandzeitung. Groß und breit sind an dafür vorgesehenen Tafeln, die an großen Mauerflächen angebracht sind, vor allem die Todesanzeigen ausgehängt. Wir haben schon bei unserer letzten Italientour von einem Erlebnis auf einem Friedhof berichtet. Da war uns aufgefallen, dass die Toten nicht auf einem Friedhof „weggesperrt“ werden, sondern, dass der Friedhof die Begegnungsstätte der Lebenden mit den Ahnen ist. Diese Begegnungen sind ganz selbstverständlich in das Alltagsleben integriert. Wir sehen diese Wandzeitung als ein weiteres Indiz, dass das Werden und Vergehen in diesen Lokalgesellschaften viel präsenter und bei Weitem nicht so tabuisiert ist, wie bei uns.

Wir haben diese Wandzeitungen nun schon mehrfach entdeckt, und so nehmen wir an, dass dies eine gute alte gepflegte Tradition in dieser Region ist. Da bei dieser Art Zeitung der Platz stark begrenzt ist findet man hier nur die wirklich wichtigen Dinge in einem Ort. Wer ist neu dazugekommen, wer ist in die Ewigkeit eingegangenen und was für Veranstaltungen finden in nächster Zeit statt, die den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken. Keine große Weltpolitik, keine letztlich unwichtigen Dramen der modernen Gesellschaft. Die haben hier keinen Platz. Das ist eine sympathische Tradition, wie wir finden. Wir sollten vielleicht einmal darüber nachdenken ob wir diese Tradition bei uns nicht auch übernehmen sollten. Für uns wäre es zumindest ein praktisches Beispiel für kulturelle Bereicherung.

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7 Gedanken zu “Die Wandzeitung lebt!

  1. Meine Mutter hat vor einer Wandzeitung in Bad Reichenhall Anfang/Mitte der Fünfziger meinen Papa kennen gelernt. Die Beiden waren vierundfünfzig Jahre lang miteinander verheiratet…
    Ende Februar werde ich ein paar Tage in Padua weilen. Und ganz bestimmt die Augen offen halten, ob es dort auch Wandzeitungen gibt. Bislang ist mir dergleichen noch nicht aufgefallen. Danke für die schöne Erinnerung, und auch die Inspiration. 🙂

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  2. In großen Städten halte ich diese Art von „Verbreitung von Nachrichten“ schlichtweg für unmöglich, aber ich habe – bevor ich in die Großstadt zog – in einem kleinen Ort gewohnt, einem Dorf mit 1500 Einwohnern, und da gab es durchaus diese Art der Nachrichtenverbreitung. So wurden dort Zettel ausgehängt mit den Informationen über bevorstehende Beerdigungen, wann die Wasseruhren abgelesen werden usw. Andere Informationen, z.B. anstehende Feste, Vorträge, Veranstaltungen usw-, wurden über kleine Plakate verbreitet, gut sichtbar in den Eingangstüren Geschäften. Auch die Kirchengemeinde nutzte diese Art der Information in einem „Kasten“, in dem alle Neuigkeiten nachzulesen waren. Man diskutierte darüber, wusste Bescheid. In diesem Dorf kannte ich fast jeden, besonders aber alle Leute, die in unserer Straße wohnten. Jeder nahm am Leben das anderen teil – gewollt oder ungewollt. Wenn meine frühere ältere Nachbarin mal bis am späten Vormittag ihre Rollläden nicht hochzog, fiel mir das auf, machte mich stutzig. Niemand wäre in unserer Nachbarschaft einfach verstorben und keiner hätte es gemerkt.
    Ganz anders hier in der Großstadt. Ich kenne noch nicht mal die Menschen persönlich, die uns gegenüber wohnen, sehe sie nur gelegentlich ihre Häuser verlassen oder vorbeihuschen. Ob jemand zwei Häuser weiter schwer krank ist oder ob jemand stirbt, das bleibt im Verborgenen. Ich weiß nichts über die Menschen, die hier im Haus wohnen bis auf wenige, mit denen ich persönlich den Kontakt gesucht habe. Leute ziehen ein und aus, manche habe ich in fast 8 Jahren nur ein paar Mal gesehen. Die Großstadt in ihrer Anonymität hat Vorteile, aber mehr Nachteile und die Menschlichkeit und Anteilnahme am Leben der anderen bleibt hier auf der Strecke.
    Eine Wandzeitung wie die in Volterra würde hier sofort zugesprüht, verunstaltet oder mit Zetteln gespickt, die niemand lesen möchte.
    Deshalb lieber WoMolix ist dein Wunsch zwar nachvollziehbar, aber leider nicht umsetzbar – jedenfalls nicht in größeren Städten.
    In diesem Sinne, liebe Grüße Sigrid

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    • Volterra hat heute (mit den Stadtteilen unten im Tal) ungefähr 10000 Einwohner. Das ist so viel wie ein Stadtteil einer mittelgroßen Stadt bei uns. Es ist mir nicht wirklich einsichtig, warum das nicht bei uns funktionieren könnte auch in einem Stadtteil oder Kiez. 😉 Mir ist natürlich klar, dass viele Menschen, die sich für ein Leben in der Stadt entscheiden, das genau aus Gründen der Anonymität und gefühlten „Unbeobachtetheit“ und der fehlenden“soziale Kontrolle“ der Nachbarschaft für ein Leben in der Stadt entscheiden.
      Solche kulturellen Traditionen lassen sich auch nicht verordnen, sondern sie müssen aus der Mitte der Gesellschaft wachsen. Das hat dann was mit gelebter Empathie zu tun, bei der es in den großen Städten überall auf der Welt mangelt.

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      • Stimmt, für einen Stadtteil könnte ich mir das auch vorstellen, aber die einzige Institution ist die Kirche, die für ihre Kirchengemeinden – hier z.B. in Dortmund – Stadtteilnachrichten verbreitet. Ich bekomme so alle Vierteljahre ein „Kleeblatt“ mit allen wichtigen Ereignissen, Terminen. Als Kirchenmitglied wissen die meinen Namen und so werde ich informiert. Stadtteilnachrichten gibt’s ja auch in jeder Tageszeitung, aber es ist nicht dasselbe und ich wüsste im Moment überhaupt keine Stelle – hier in unserem Stadtteil – wo so ein großes schwarzes Brett Platz hätte oder gelesen würde. Natürlich haben die alteingesessenen Bewohner hier eine andere Sicht auf die Dinge, sind engagiert in Vereinen usw, aber es ist wie überall, kein Nachwuchs, und so fehlen sowohl soziale Zusammengehörigkeit als auch „Kontrolle“ – im positiven Sinne. Selbst auf dem Land, wo ich wohnte, wurde der Chor aufgelöst, mangels Nachwuchs. Solche „Zusammenkünfte“, wo auch sozialer Austausch stattfindet, werden immer seltener. Aber dafür haben die meisten ja facebook, What’s App usw. wo heutzutage der VERMEINTLICHE Austausch stattfindet. Ein großer Trugschluss – meine Meinung! LG

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